Sinistres Werk des hochgelobten Michael Wollny

Sinistres Werk des hochgelobten Michael Wollny

Michael Wollny wird derzeit von allen Seiten gehypt. Zurecht! Denn der gebürtige Schweinfurter Pianist ist dank seiner unkonventionellen Spielweise und seiner musikalischen Offenheit und Vielseitigkeit längst ein Pianist von Rang. Wollny, heute 37, wurde bereits mit 23 vom damals schon knapp 70-jährigen Frankfurter Saxofonisten und Szenevater Heinz Sauer zum Duopartner auserkoren. Zudem machte Wollny im Trio [em] mit komplexen Klavier-Bass-Schlagzeug-Dramaturgien auf sich aufmerksam, sein Meisterstück legte er 2007 mit der von entschleunigten harmonischen Farbenspielen geprägten Soloaufnahme „Hexentanz“ vor. Es folgte eine weitere großartige Produktion mit dem Titel „Weltentraum“. Seither hat er seinen Aktionsradius sukzessive erweitert. Er ist ein Musiker, ein Freidenker, dem Scheuklappen völlig fremd sind. Er steht für hohe minimalistische Repetitionskunst, die aufgelöst wird in freiem Spiel.

Kürzlich hat er mit „Nachtfahrten“ ein neues Album vorgelegt. Die CD beginnt mit einer düsteren Interpretation des Stücks „Questions In A World Of Blue“, das Angelo Badalamenti für den Film „Twin Peaks“ schrieb. Sie endet mit dem wahrscheinlich langsamsten Jazzstück aller Zeiten: Bei 40 Schlägen pro Minute liegt das Tempo im Titel-Stück „Nachtfahrten“. Das ist „Slow Jazz“ in vollendeter Form. Dazwischen weitere Stücke zum Thema Nacht und schwarzer Romantik. Wollny ist ein Freund der Nacht. Übertragen auf seine Kompositionen bedeutet dies verschwommene Kontraste, Leidenschaft, aber auch Trauer, Wut und Wahnsinn. Es sind merkwürdige, erkennbar künstliche Orte, die Wollny zum jeweiligen Anlass für eine Nachtfahrt nimmt. Etwa das Bates-Hotel aus dem Hitchcock-Streifen „Psycho“ oder das Tal der Schlösser in Edgar Allan Poes Erzählung „Metzengerstein“.

„Nachtfahrten“ ist ein exzellentes Trio-Album geworden. Zusammen mit dem Schlagzeuger Eric Schaefer und dem Schweizer Kontrabassisten Christian Weber begibt sich Wollny auf eine Reise ins Sinistre, ins Unheimliche.

Insgesamt 14 zwei-, drei- und vierminütigen Stücke finden sich darauf, überwiegend zerbrechliche Gebilde im Schutz der Nacht, mit ausgesprochen ruhigen Elementen. Auf einen Nenner gebracht: eine Gratwanderung zwischen Pop, Jazz und zeitgenössischer Klassik, wobei Wollnys Improvisationsgeist die Themen ornamentartig umspielt.

Am Ende fügt sich alles zusammen zu einem gleichermaßen spannenden und berückenden Werk. Schnell wird auch klar, Michael Wollny ist keiner der gängigen jazzhistorischen Schulen verpflichtet. Wie so oft schon in seiner Karriere betritt Wollny auch hier musikalisches Neuland.

„Nachtfahrten“ erscheint beim Münchner Label ACT. Derzeit ist Wollny unter dem Motto „Solo – Duo – Trio“ auf einer ausgedehnte Deutschlandtournee mit Eric Schaefer und Christian Weber unterwegs. Am 9.11. spielen die Musiker in der Alten Oper Frankfurt. Im Duo ist Wollny mit dem Saxofonisten Heinz Sauer unterwegs: am 20.12. in der Stadtkirche Darmstadt und am 16. Januar in der Frankfurter Romanfabrik.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.