What a night! Sarah Ferri und Nina Attal zu Gast im Rheingau

What a night! Sarah Ferri und Nina Attal zu Gast im Rheingau

Die Seebühne des alterwürdigen Schloss Vollrads im Rheingau hat im Rahmen des Rheingau Musik Festivals schon so manche musikalische Größe kommen und gehen sehen. Doch der Abend des 14. Juli war einem ganz besonderen Gig vorbehalten. Oder besser gesagt: Zwei Gigs.

Denn im Rahmen der „Ladies‘ Night“ des Rheingau Musik Festivals 2015 hatten sich mit Nina Attal und Sarah Ferri gleich zwei Künstlerinnen angekündigt. Soweit so gut. Aufgewachsen bei Paris wird die 1992 geborene Nina Attal als neue R&B Hoffnung Frankreichs gehandelt und sprengt mit Talent und Kreativität gekonnt die Genre-Grenzen zwischen Funk, Jazz und Soul. Sarah Ferri dagegen stammt aus Italien, lebt im belgischen Gent und hat den swingend-leichten Chanson-Sound zur Perfektion entwickelt. Kurzum: Die Voraussetzungen für einen abwechslungsreichen Konzertabend unter freiem Himmel hätten besser nicht sein können. Der Himmel präsentiert sich wolkenverhangen, doch der Schlossgarten ist voll besetzt.

Den Anfang macht Sarah Ferri. Mit viel Gespür für den ausklingenden Tag schafft sie es, das Publikum binnen Minuten mit ihrem ruhigen Sound zu begeistern. Die Songs stammen vom jüngst veröffentlichten Album „Ferritales“. Stimmlich und musikalisch liegt die Belgische Musikerin irgendwo zwischen Zaz, Fredrika Stahl und Caro Emerald – eine gute Mischung! Sanfte Piano-Akkorde und eingängige Melodien tun ihr Übriges, um das Publikum auf eine verträumte Reise in die sommerliche Genter Altstadt mitzunehmen. Ferris Stimme klingt mädchenhaft, fast ein wenig fragil und zu großen Teilen chansonesk, verfügt aber auch immer über viel Charme und Gefühl. Dass sie bei „Dancing In The Supermarket“ kurz die Tonart am Keyboard verwechselt – geschenkt! Das Publikum verzeiht es ihr gerne. Beim Song „This Is A Moment“ setzt ein wenig Regen ein – und das ausgerechnet, als Ferri von „Rain“ singt – perfektes Timing. Doch sie kann auch anders: Bei „The Hungry Vilain“ oder dem sehr rockigen Stück „No One Can See“ gibt Ferri den Vamp, singt tiefer und lässt den sanftmütigen Habitus der ersten Songs hinter sich. Zum Abschluss gibt es mit „On My Own“ und „The Man Who Was Bored“ noch zwei wunderschöne Songs in bester Gypsi-Manier. Django Reinhardt hätte seine Freude an dieser energiegeladenen Landsfrau gehabt. Gibt es noch eine Zugabe? Nein? Doch! Nach etwas längerer Bedenkzeit kommen Sarah Ferri und ihre drei Musiker zurück auf die Bühne. Ein bisschen schade ist, dass es noch einmal „On My Own“ zu hören gibt – und die wirklich talentierten Künstler keine weitere Zugabe mitgebracht haben.

Pause. Edle Weine und leckere Flammkuchen vom Stand. Aber auch: Mitgebrachte Kühlboxen, selbstgemachte Tramezzini und Fusel vom Discounter. Und das im Garten eines der wohl besten Riesling-Weingüter der Welt. Tupperdosen kreisen, Rezepte werden ausgetauscht. Doch dann geht es weiter mit Musik. Endlich.

Nina Attal scheint nur so vor Energie zu sprühen, als sie nach ihrer sechsköpfigen Band die Seebühne betritt. Ihre Augen funkeln, ihre Stimme ist präsent und ausdrucksstark. Souverän und mit einer gehörigen Portion Soul startet der Konzertabend mit der Nummer „Baby (Right Now)“. Die Musik: Astreiner Funk. Bläserakzente, die scharf wie japanische Messer schneiden, Bassläufe, die zum Tanzen animieren, Gitarren- und Keyboardakkorde, die Köpfe und Füße mitwippen lassen. Theoretisch. Denn das bluesig-soulige funky Feuerwerk, das Nina Attal und ihre Band auf der Bühne abbrennen, scheint beim Publikum nicht anzukommen. Der Garten: Ein Ozean der Stille. Doch die Musiker lassen sich nicht entmutigen, sie machen weiter. Und: Sie haben Spaß dabei. Es folgen „You Ain’t Gone“, die Ballade „Good Guy“ und „Stop The Race“. Doch tanzen will niemand. Nach fünf Songs die etwas irritierte Frage von der Bühne „Are you drunk?“ Das Publikum ist verunsichert. Auch, als Nina Attal ihre Solo-Version des Songs „Freedom“, im Original auf dem Soundtrack des Films „Django Unchained“ erschienen, zum Besten gibt. Mit viel Gefühl. Und noch mehr leisen Tönen. Zaghaftes Jubeln, als die Sängerin für ein Gitarrensolo die Bühne verlässt und durch die Stuhlreihen wandert.

Bei „Put Them In Hell“ stoppt die Band plötzlich mitten im Song. Stille. Noch mehr Verunsicherung im Publikum. „It’s not possible!“, sagt die erst 23-jährige Powerfrau aus Frankreich mit ernster Mine. „You have to get up and dance! Everybody get up!“ Und plötzlich bricht das Eis! Während die Band weiterspielt, verlassen mehr und mehr Zuhörer die Sitzplätze, stellen sich an die Seite, tanzen, klatschen und jubeln. Na endlich! Das Konzert bekommt eine Wendung. Die Stimmung wird von Song zu Song besser, grandiose Soli auf der Gitarre, den Drums, Trompete und Saxofon heizen dem Publikum ordentlich ein.

Zugaben gibt es reichlich: Auf die XXL-Version von „You Ain’t Gone“ folgen bisher noch ungespielte Stücke früherer Attal-Produktionen, gehen in einander über, sind gespickt mit Soloeinlagen. Man spürt förmlich, wie sehr die Musiker unter dem Beifall der Zuhörer aufblühen – und das Konzert tiefer und tiefer in die anbrechende Nacht hinein verlängern. Mittlerweile wird an allen Ecken des Gartens getanzt und gejubelt. Richtig so! Um Viertel nach zehn ist dann aber endgültig Schluss, die Stimmung ist auf dem Höhepunkt. Chapeau, Madame Attal. Ein solches Publikum knackt nicht jeder. Jetzt brauche ich erstmal was zu essen. Vielleicht haben die Leute zwei Reihen vor mir noch Tramezzini in ihrer Kühlbox?

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