Drei Fragen an… Jan Hagenkoetter zum Thema Musik-Streaming

Drei Fragen an… Jan Hagenkoetter zum Thema Musik-Streaming

Jan Hagenkoetter ist Mitgründer und Geschäftsführer von INFRACom! Records. Seit Gründung des Frankfurter Labels im Jahr 1992 hat er nicht nur hunderte Veröffentlichungen von Künstlern wie re:jazzMop MopValique oder dem Matthias Vogt Trio auf den Markt gebracht, sondern auch die Entwicklung des Musikmarkts als DJ, Festivalorganisator und Konzertveranstalter mitgeprägt und verfolgt. Und das Genre-übergreifend. Denn das Motto „jazznotjazz“ ist bei INFRACom! Programm. INFRACom! darf sich zum exklusiven Kreis der am längsten existierenden Independent Labels in Deutschland zählen, was den Elektronik- und New Jazz-Bereich anbelangt. Wir haben mit Jan über seine Sicht der Dinge zum Musik-Streaming gesprochen.

FLieber Jan – dieser Tage ist Musik-Streaming in aller Munde. Kaum ein Medium, das nicht ausführlich darüber berichtet. Was ist Deine persönliche Meinung zum Thema?

JHGenerell finde ich Streaming als Alternative und Angebot zum Musikhören gut, auch sehe ich darin ein Modell, das in der „digitalen“ Welt fast mehr Sinn macht als der Kauf der Musik mit anschließendem Download. Es ist ein Angebot, das mit den Nutzungsgewohnheiten der Menschen geht. Ich glaube, dass man die Leute dort abholen muss, wo sie „konsum-technisch“ zuhause sind.

FUnd wie steht es um das Thema „Vergütung“? Für ein Independent-Label wie INFRACom! sicher ein wesentlicher Aspekt, wenn es um neue Vertriebsmodelle geht…

JHNatürlich ist die Frage nach der Vergütung auch und gerade beim Streaming sehr wichtig. Denn dadurch entscheidet sich, ob das Angebot für Musiker und Labels auch wirtschaftlich einen Sinn ergibt und wer am Ende tatsächlich daran verdient. Klar ist, dass hier die Menge der Nutzer eine große Rolle spielt. Die Hoffnung, dass sich durch den Markteintritt von Apple mehr Menschen für Musik-Streaming begeistern ist absolut berechtigt. Und: Die Modelle von Spotify & Co. sind finanziell gesehen bisher noch im Minus für die Betreiber, obwohl die meisten Anbieter schon mehrere Jahre im Markt sind und zum Teil auch schon eine große Nutzeranzahl vorweisen können. Überhaupt gab es, was die Seite der Label oder Künstler anbelangt, in jüngster Zeit Diskussionen und Gerüchte. Der Grundton: Die Plattenindustrie verdient sich am Streaming eine „goldene Nase“. Vielleicht mag das für manche Majors auch zutreffen. Aber es stimmt sicher nicht für alle Indies. Wir bei INFRACom! zahlen beispielsweise rund die Hälfte unserer Netto-Einnahmen aus sämtlichen Digitalrechten an unsere Künstler aus und bestreiten von unserem Teil die Vermarktung und Promo-Kosten. Natürlich regelt das jedes Label etwas anders. Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass man diese Verteilung anders gestaltet, wenn beispielsweise der Aufwand kostenintensiver ist als das zu erwartende Einkommen. Was die generelle Verteilung von Streaming-Income anbelangt, habe ich vor kurzem einen Artikel im Kernelmag gelesen, den ich interessant finde und über dessen Vorschläge es sich zu sprechen lohnt. Dies ist mal ein Ansatz den es meiner Meinung nach zu diskutieren gilt, anstatt alles zu verteufeln und „früher war besser“ zu rufen. (Anm. der Redaktion: Der Artikel thematisiert einen Ansatz, nach dem die Einnahmen der Streaming-Anbieter nur auf die tatsächlich angehörten Künstler verteilt werden).

FWelche Chancen bietet das Streaming für den Musikmarkt allgemein? Sind illegale Raubkopien überhaupt noch ein so großes Thema?

JHInsgesamt sehe ich viele positive Effekte aus dem Streaming. Natürlich gibt es heute viel weniger „Torrents“ oder andere illegale Downloads als noch vor ein paar Jahren. Und ich glaube, dass sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren noch weiter verstärken wird. Der illegale Weg wird immer uninteressanter, da die legalen Angebote einfach und sicher sind. Aus meiner Sicht ist das ein absoluter Gewinn für die gesamte Branche – wir haben lange darauf gewartet. Bei InfraCOM! konnten wir durch Streaming bereits positive Effekte bei den Einnahmen feststellen. Obwohl wir natürlich auch merken, dass der klassische Download wegbricht. Dennoch sind unsere Einnahmen durch Streaming leicht gewachsen. Klar ist, dass ältere Songs nicht mehr einfach so zum kurz Durchhören gekauft werden. Entweder man hat sie und liebt sie, oder man will nur kurz reinhören. Und da ist Streaming aus meiner Sicht die beste Lösung. Manchmal höre ich privat gern alte Sachen. Neulich zum Beispiel ein paar alte Alben von „The Cure“ (lacht) – die würde ich mir sicher nie mehr kaufen. Aber das sind trotzdem Erinnerungen an meine Jugend – und dafür ist Streaming doch super. Natürlich sieht das bei neuen Releases erst einmal anders aus, denn da macht Streaming sich finanziell eher negativ bemerkbar. Aber: Da braucht man dann die längere „Zeit auf der Strecke“ – und ja: Auch mehr Leute, die diese Modelle kostenpflichtig nutzen.

FLieber Jan, herzlichen Dank für das Gespräch!

Foto: INFRACom! Records

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