Schallplatten für Augen und Ohren: Rainer Haarmann lässt Vinyl-Scheiben hochleben

Schallplatten für Augen und Ohren: Rainer Haarmann lässt Vinyl-Scheiben hochleben

Für die Freunde der Schallplatte waren die 1980er Jahre ein Albtraum. Die Compact Disc, kurz CD, kam auf den Markt und die Silberlinge verdrängten die Vinyl-Scheiben fast vollständig. Inzwischen, nach gut dreißig Jahren, bröckelt die Vormachtstellung der CD, ja die Compact Disc ist auf dem absteigenden Ast. Die Schallplatten-Umsätze schnellen nach oben. Die zweite Blüte der schwarzen Scheiben grenzt an ein kleines Wunder. Oft tot gesagt, ist der Tonträger auch im Zeitalter von MP3 und CD beliebt – und das nicht nur bei Klangfetischisten. Besonders erfreulich ist dabei die Tatsache, dass das Gesamtkunstwerk Schallplatte mehr und mehr in das Bewusstsein auch vieler junger Leute gerückt ist. 1,8 Millionen Vinyl-Alben wurden 2014 in Deutschland verkauft und damit so viele wie seit 1992 nicht mehr. Der Marktanteil der Longplayer beträgt aktuell immerhin 2,6 Prozent. Das mag viele Gründe haben. Ein wichtiger ist sicherlich: Der allgegenwärtigen, sofortigen Verfügbarkeit von Musik zum Download, steht ein neues, waches Musikverständnis entgegen, das sich zwar noch in Nischen des Musikgeschäfts befindet, aber diese Nischen wachsen zusehends. Auch das Image hat sich gewandelt. Galten Vinyl-Fans früher als verschroben und altbacken, so ist das heute ganz anders.

Kenner wissen längst, eine Vinylplatte hat so viel mehr zu bieten als die digitalen Rundlinge. Es findet sich vielmehr Platz für die künstlerische Gestaltung des jeweiligen Musikthemas bzw. des Covers. Und auf hochwertigen Plattenspielern und guten Lautsprechern klingt eine Langspielplatte auch um „Längen“ besser als eine CD, auch wenn dies von den CD-Freaks weiterhin noch vehement bestritten wird.

Ein großer Anhänger, besser gesagt Verfechter der Langspielplatte ist auch Rainer Haarmann, ehemaliger Festivalchef des JazzBaltica auf dem schleswig-holsteinischen Gut Salzau. Mit seinem Label „EDITION LONGPLAY“ setzt er Maßstäbe und konsequent auf das schöne 180 Gramm Vinyl und veröffentlicht regelmäßig Neuproduktionen „seiner“ Künstler ausschließlich auf Langspielplatte. Und er geht sogar noch einen Schritt weiter. Folgerichtig ist seine Philosophie „Bildende Kunst“ mit den musikalisch anspruchsvollen Werken zu verbinden. Die LPs in limitierter und einmaliger Auflage von 500 Exemplaren sind in absolut bester Qualität produziert und ihre Cover bilden exklusive Kunstwerke ab, die im Dialog mit den Musikern entstehen. Ein sehr ambitioniertes Projekt, das nicht in unsere schnelllebige Zeit zu passen scheint, aber hohen Kunst- und Musikgenuss verspricht. Haarmann macht Schallplatten für Ohren und Augen. Man kann mit Fug und Recht sagen, Rainer Haarmann hat die Tradition künstlerisch gestalteter Plattenhüllen in Deutschland wiederbelebt. Wie gut das funktioniert, zeigen die bisher rund ein Dutzend Platten, die er auf seinem Label veröffentlicht hat.

Da ist zum Beispiel die Platte mit Hank Jones und Don Friedmann mit dem Titel „Alone Together“, die vierte Produktion des Labels. Ein herausragender Mitschnitt von Jones‘ JazzBaltica-Auftritt aus dem Jahre 2008 wenige Wochen vor seinem 90. Geburtstag aufgenommen. Die drei ersten Stücke bestreitet Jones, der die Glanzzeit des Swing erlebte und die des Bop entscheidend mitprägte, solo, dann steigt als Partner mit Don Friedman ein weiterer Veteran des goldenen Jazz-Zeitalters ein. Verzückt lauscht man den musikalischen Dialogen, dieser großen Altmeister. Bei der letzten Nummer gesellen sich dann noch Martin Wind und Matt Wilson an Bass und Schlagzeug dazu. Für Rainer Haarmann, den mit Jones eine langjährige tiefe Freundschaft verband, war dieses Album ein besonderes Anliegen.

02-2015_edition_longplay_wgm_detail2Ein weiteres grandioses Vinyl-Werk (Nr.11) aus dem Hause Haarmann ist Alan Broadbents LP „Just One of those Things“ aufgenommen vor einer kleinen Schar Konzertgänger im Jahr 2013 in Portland/USA während einer Solo-Performance. Das Programm ist weitgefasst und der gebürtige Neuseeländer Broadbent präsentiert sich in blendender Verfassung. Eine Fülle musikalischer Feinheiten tun sich hier auf. Beeindruckend die wunderbare Elvis-Costello-Ballade „Birds will still be Singing“ oder die allseits bekannten Standards „All The Things you are“ von Jerome Kern, „Django“ von John Lewis oder „Autumn Leaves“ sowie der Titelsong aus der Feder von Cole Porter. Allesamt meisterlich gespielt und in bester Klangqualität. Keine Frage: Broadbent ist ein großer Poet des Jazzpianos. Grandios! (Edition Longplay 11) Am 15. Oktober 2015 wird Broadbent mit seinem Trio in Kiel ein Konzert anlässlich der Veröffentlichung seiner neuen LP „Just One Of Those Things“ geben, welche auf dem Label EDITION LONGPLAY des ehemaligen künstlerischen Leiters des JAZZBALTICA Festivals Rainer Haarmann erscheint.

Neu im Programm ist der Longplayer Nummer 12 mit der hochtalentierten jungen deutschen Saxofonistin Charlotte Greve und ihren Partnern Keisuke Matsuno (Gitarre, Synthesizer), Simon Jermyn (Bass) und Tommy Crane (Schlagzeug). Das ist 45 Minuten Musik voller Energie und Kraft aber auch voller Durchdringung. Aufgenommen übrigens in Live-Sets, so dass man meinen könnte, es handele sich hierbei eine „live performance“. Dazu kommt die perfekte Abmischung und die technische Perfektion der Platte. Ein wahrer Genuss!

02-2015_edition_longplay_wgm_detailFür Kunstfreund Rainer Haarmann ist die „Bildende Kunst“ zwingend das Pendant zur Jazzmusik. Und so lässt er Maler und Zeichner die Plattencover gestalten und zwar in enger Abstimmung mit den jeweiligen Musikern. Das Papier für die Herstellung der Klappcover hat die bestmögliche Qualität, um die Kunstwerke perfekt zur Geltung kommen zu lassen. Den Musikern werden auch die Rechte für eine spätere Zweitverwertung auf CD eingeräumt. Zwischen 4 und 6 Produktionen pro Jahr sind es, die in Ästhetik und Form zu gefallen wissen. Rainer Haarmann hat übrigens bereits im Jahr 2008 mit seinem vielbeachteten Buch über die „Geschichte der Langspielplatte und des modernen Jazz“ (veröffentlicht im Jazzprezzo-Verlag) den Weg für seine heutige, hochwertige Plattenproduktion vorgezeichnet.

Interessant für potenzielle Käufer: Bevor man eine dieser Vinyl-Schätze kauft, kann man auf der Homepage des Labels sämtliche Songs anspielen. Die verschiedenen Aufnahmen speisen sich einerseits aus ausgewählten Studioproduktionen, andererseits aus Live-Mitschnitten der unterschiedlichsten Art, darunter auch des Jazz-Baltica-Festivals.

Was Rainer Haarmann erreichen wollte, hat er erreicht: mit seiner Edition Longplay ist ihm ein großer Coup gelungen, ja ein Gesamtkunstwerk. Hut ab vor soviel Energie, Ideenreichtum und konsequenter Umsetzung.

Weitere Informationen unter: www.editionlongplay.com

Das Vinyl-Geschäft in DeutschlandDie gute alte Schallplatte ist längst wieder da. Nach jüngsten Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) wurden in Deutschland 1,8 Millionen Vinyl-Alben im Jahr 2014 verkauft und damit so viele wie seit 1992 nicht mehr. Inzwischen beträgt der Vinyl-Marktanteil immerhin 2,6 Prozent. Zum Vergleich: In den USA wurden 2014 mehr als neun Millionen LPs verkauft. Auf den vorderen Plätzen der Vinyl-Top-Ten in Deutschland stehen laut GfK (Stand April 2015): Led Zeppelin mit „Physical Graffitti“, Deichkind mit „Niveau Weshalb Warum“, Pink Floyd mit „The Endless River“ und Mark Knopflers aktuelles Album „Tracker“.

Rainer Haarmann iwgm_rhaarmannst Gründer und langjähriger Leiter des Festivals JazzBaltica; Autor zahlreicher Publikationen (zuletzt „LONGPLAY – Zur Geschichte der Schallplatte und des modernen Jazz“ im Jazzprezzo Verlag) sowie Produzent von Jazzalben wie Don Friedman Trio Live At JazzBaltica; Bunky Green „The Salzau Quartet“; Trio Da Paz & Joe Locke; Don Friedman Salzau Trio & Gerdur Gunnarsdottir String Quartet; JazzBaltica Ensemble directed by Johannes Enders, „Theresia“ – Martin Wind & The JazzBaltica Jubilee Ensemble.

 

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