Bunte Mischung beim 47. Deutschen Jazzfestival Frankfurt

Bunte Mischung beim 47. Deutschen Jazzfestival Frankfurt

Die Jazzszene wird immer reichhaltiger und bunter. Dieser Tatsache wollen die Macher des 47. Deutschen Jazzfestivals mit ihrem fünf-tägigen Programm Rechnung tragen. Vom 26.10 bis 30.10. wird es in der Alte Oper, im Großen Sendesaal des HR und im Mousonturm diverse Spielarten des Jazz geben.

Zwei Festival-Projekte widmen sich den „Fab Four“. Django Bates’ mit Spannung erwartete Neuinszenierung des Beatles-Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ für die HR-Bigband eröffnet das Festival. Julia Hülsmann wird weitere Songs von Lennon/McCartney auf kammermusikalische Weise zum Leuchten bringen. In einem weiteren Projekt, das die Lebendigkeit der Frankfurter Szene dokumentiert, schlägt der Schlagzeuger Oli Rubow eine Brücke zum Schriftsteller Bodo Kirchhoff, der die zwischen Elektro und Jazz changierende Performance durch eine Lesung aus seinem Roman „Der Prinzipal“ bereichert.

Vom spektakulären Berliner Trio „Gropper/Graupe/Lillinger – the band formely known as Hyperactive Kid“ über die amerikanische Pianistin Myra Melford bis zur mitreißenden Hommage der französischen Band Supersonic an den Psychedelic-Jazz des Sun Ra bietet der Freitag einen überaus experimentierfreudigen zeitgenössischen Jazz. Liebhaber elektronischer Sounds werden mit Brandt Brauer Frick und Matthew Bournes „Moogmemory“ im Mousonturm bestens bedient. Das Festival präsentiert Bourne außerdem in einem Matinee-Konzert als faszinierenden Pianisten. Eine weitere Facette der zu Recht vielgelobten jungen britischen Jazzszene zeigen die verblüffenden Verwirrspiele des Pianotrios Phronesis. Mit dem panamerikanischen Gipfeltreffen von Chucho Valdés und Joe Lovano, John Scofields „Country for Old Men“ und der All-Star-Band „Aziza“ sind auch große Stars aus den USA auf dem Festival vertreten. Der erste Abend ist, wie erwähnt den Beatles und ihrem epochalem Album „Sgt. Pepper“ gewidmet. Saxofonist Django Bates, in den 80er Jahren Mastermind der britischen Loose Tubes wagt sich zusammen mit der HR-Bigband an diese Aufgabe und transportiert den Pop der 60er Jahre und gibt ihm eine Jazzperspektive. Bates und die HR-Bigband wollen das Publikum auf einen spannenden Trip mitnehmen, der dem Geist des Originals auf jazzige Weise näher kommen wird. Großes Jazzkino versprcht anschließend der Auftritt von Chucho Valdés (Piano) und Joe Lovano (Saxofone). Valdés ist der große, alte Mann des kubanischen Jazz und gilt als Duke Ellington Kubas. Der Pianist und Komponist, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert, steht wie kein anderer für die gelungene Verbindung von kubanischer Musik mit anderen Musikgenres. Das Ganze findet in der Alten Oper Frankfurt statt.
Am Donnerstag (27.10.) steht die Band Phronesis auf der Bühne des Sendesaals des HR. „Augenblicklich eine der aufregendsten Formationen auf dem Planeten!“ So urteilt das britische Magazin „Jazzwise“ über Phronesis. Das Trio feierte im vergangenen Jahr sein 10jähriges Bestehen und überzeugt sein Publikum inzwischen weltweit vor allem durch charismatische Live-Auftritte. Phronesis – das sind der dänische Bassist Jasper Høiby, der die Band 2005 in London gründete, der schwedische Schlagzeuger Anton Eger und der englische Pianist Ivo Neame. Ihr Markenzeichen: überraschende Tempowechsel, vertrackte Rhythmik und zupackende dynamische Sounds.

Danach lässt John Scofield die Gitarrensaiten erklingen und widmet sich diesmal der Country-Music, sozusagen eine Art Rückbesinnung auf die Musik seiner Kindheit. John Scofield bringt dazu eine formidable Band mit Larry Goldings (Keyboards), Steve Swallow (Bass) und Bill Stewart (Drums) nach Frankfurt mit.

Am Freitag (28.10.) werden die Fans von Gropper/Graupe/Lillinger – the band formerly known as Hyperactive Kid frohlocken. Gegründet von drei Berliner Musikern, die sich vor über 10 Jahren als Band den Namen „Hyperactive Kid“ gaben. Bewegung, wie in Ekstase, ein irrwitziges Tempo zwischen verschiedenen hochkomplexen Rhythmen, perkussive Klangerzeugung, das alles vereint in einem großen Klangkosmos ist Programm dieser Musiker.

wgm_logo_djf_2016Als Kontrast dazu folgt Myra Melford und „Snowy Egret“. Die US-Pianistin Myra Melford ist leider eine der übergangenen Größen des zeitgenössischen Jazz – und das ist Schade. In ihrer Band spielen Ron Miles (Trompete), der Japaner Stomu Takeishi bedient neben dem 5-saitigen elektrischen bundlosen Bass auch eine akustische Bassgitarre und sorgt mit seinem expressiven, körperbetonten Spiel für die zupackende Basis der Band. Der in London geborene Gitarrist Liberty Ellman macht musikalisch seinem Vornamen alle Ehre und nimmt sich in seinem Spiel viele Freiheiten. Beim Konzert von Myra Melford wird Gerald Cleaver am Schlagzeug sitzen – und den kennen die Festivalbesucher noch aus der Band von Trompeter Tomasz Stanko, mit der er vor drei Jahren in Frankfurt auftrat.

Eine Hommage an den großen Sun Ra liefert danach die französische Formation Supersonic. Das bedeutet auch, dass sich die Musiker viel Experimentierfreiheit gönnen, genau so wie sie Sun Ra mit seinem Arkestra, einem bigband-artigen Großensemble beherzt nutzte.

Das Projekt des französischen Altsaxofonisten und Sängers Thomas de Pourquery ist allerdings eindeutig mehr als eine Sun-Ra-Cover-Band. Der 39-Jährige hat bei Francois Jeanneau studiert und mit ihm im Orchestre National de Jazz gespielt, mit dem Collectif des Falaises sämtliche Jazzspielarten von Standards bis Elektronika durchexerziert, als Sänger und Leader der Rockband Rigolus für Furore gesorgt, in Andy Emler’s Mégaoctet mitgewirkt und zusammen mit dem Posaunisten Daniel Zimmermann ein preisgekröntes Quintett auf die Beine gestellt. Das Album „Supersonic play Sun Ra“ wurde von „Victoires du jazz“ als Album des Jahres ausgezeichnet und von der Académie du jazz für den prix de disques nominiert. In seinem Sun-Ra-Projekt versammelt Thomas de Pourquery Musiker, die seine Liebe zu Trance, Melodie und Improvisation teilen.

Am Samstag (29.10.) treffen Jazz und Electro, Musik und Literatur in einem speziell für das Festival realisierten Projekt aufeinander. Der Schlagzeuger Oli Rubow, bekannt etwa durch seine langjährige Zusammenarbeit mit Basslegende Hellmut Hattler oder den Lounge-Pionieren von De-Phazz, zeichnet als Spiritus Rector verantwortlich.

Für den speziellen Abend hat sich Rubow drei Kollaborateure eingeladen, die ebenso wie er im Graubereich zwischen akustischem Jazz und elektronischer Musik unterwegs sind und mit denen ihn langjährige musikalische Freundschaften verbinden. Sebastian Studnitzky ist ein ungemein umtriebiger Zeitgenosse, der nicht nur als Musiker sondern auch als Klanginstallateur und seit 2014 als Macher des Berliner XJazz-Festivals ungewöhnliche Offenheit und Vielschichtigkeit bewiesen hat. Der Trompeter und Pianist hat mit Nils Landgren, Wolfgang Haffner oder Mezzoforte ebenso gespielt wie mit Laith Al-Deen, Edo Zanki oder Jazzanova und machte 2015 mit seinem Album „Memento“ als Crossover-Künstler zwischen Jazz, Klassik und Elektro von sich reden. Dazu gesellen sich noch Oliver Leicht und Johannes Brecht. Das i-Tüpfelchen ist dabei die Begegnung mit dem Wahl-Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff. So wollen die Musiker eine Textstelle aus Bodo Kirchhoffs Roman „Der Prinzipal“ zum Katalysator des musikalischen Prozesses zu machen.

wgm_huelsmannJulia Hülsmann Trio feat. Theo Bleckmann und Ben Monder play „The Beatles“ heißt es danach. Nach Frankfurt kommt Julia Hülsmann mit Theo Bleckmann, der auch schon ihr Kurt-Weill-Projekt mit seinem virtuosen sängerischen Understatement veredelte. Der gebürtige Dortmunder hat sich schon lange in New York als umtriebiger und facettenreicher Vokalist etabliert und Julia Hülsmann glaubt, „Theo ist einer, der die Songs der Beatles neu singen kann.“ Danach ein weiteres Highlight: „Aziza“ mit Dave Holland, Chris Potter, Lionel Loueke und Eric Harland. „Aziza“, das ist ein freundlicher Waldgeist in der afrikanischen Heimat von Lionel Loueke. Auf seiner letzten CD hat der Gitarrist ihm ein Stück gewidmet. Wenn dieser Waldgeist nun einem All-Star-Quartett den Namen gibt, bedeutet das keineswegs, dass Lionel Louke dessen Bandleader ist. Im Interview hebt er stattdessen hervor, wie gleichberechtigt, als Kollektiv, diese Gruppe organisiert sei. Alle vier Musiker komponieren und kommen improvisatorisch gleichermaßen zu Wort. Dave Holland, Chris Potter, Eric Harland und Lionel Loueke – eine Besetzung, die jedem Jazzfan das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt! „Die Musik verändert sich ständig, von Konzert zu Konzert“, erzählt Lionel Loueke. „Da fließen unaufhörlich neue Ideen aller vier Musiker mit ein, so dass wir uns immer wieder in andere, überraschende Richtungen bewegen können.“ Chris Potter gehört zu den führenden Saxofonisten der Gegenwart. Der Mann aus Chicago ist 45 und seit über dreißig Jahren Profimusiker. Seine Stimme ist die eines Poeten, erinnert manchmal an den großen Joe Henderson. Sorgfältig wägt Potter Licht und Schatten auf dem Saxofon ab, spielt lyrisch-leidenschaftlich ebenso wie zupackend und voller Kraft.

Der legendäre Bassist Dave Holland wird 1946 in England geboren, den Durchbruch erzielt er dann in Amerika, als Miles Davis ihn 1968 in seine Band holt. Danach spielt er mit Chick Corea, Anthony Braxton, John Abercrombie, Jack DeJohnette und natürlich mit eigenen Gruppen. Beharrlichkeit und Konsequenz ziehen sich wie ein roter Faden durch Hollands beispiellose Karriere. Der äußerst dynamisch spielende Drummer Eric Harland ist seit langem festes Mitglied in den Bands von Dave Holland, beeindruckt aber nicht nur diesen.

Sonntag (30.10.): Den Abschluss des Festivals am Sonntag bestreitet der britische Pianist und Cellist Matthew Bourne (piano, memorymoog). „Montauk Variations“ nimmt den Hörer mit auf eine faszinierende Reise in die Klangwelt eines Künstlers, der seine Inspiration aus allem Möglichen bezieht. Sounds von meditativer Schönheit, die zeitweise anmuten wie ein elektronisches Echo auf Kirchenorgeln, Waldhörner, Flöten oder andere Klänge aus der analogen Welt. Als Resultat erschien im März 2016 mit „Moogmemory“ das erste Album, das ohne Hilfe von Computern oder Synthesizern ausschließlich mit Hilfe des Lintronics Advanced Memorymoog aufgenommen wurde.

Der Barrikadenstürmer von einst präsentiert sich heute als gereifter Künstler, der Schönheit nicht scheut und eine Vielzahl von Einflüssen – von der englischen Pastorale über Neue Musik bis hin zum Jazz jeder Couleur und der Elektronik – zu einer Musik verbindet, die zugänglich und gewagt zugleich ist. Matthew Bourne wird am Sonntag Mittag im Mousonturm mit einem Pianorecital und abends mit seinem Synthesizer-Solokonzert „Moogmemory“ zu hören sein.

Infos zu den TicketsKartenvorverkauf beim hr-ticketcenter unter 069-155-2000, Karten bestellen (hr-Ticketcenter). Veranstaltungsorte: Alte Oper (Opernplatz 1, 60313 Frankfurt/Main), HR-Sendesaal (Hessischer Rundfunk, Bertramstr. 8, 60320 Frankfurt/Main) und im Künstlerhaus Mousonturm (Waldschmidtstr. 4, 60316 Frankfurt/Main). Weitere Informationen auf der Homepage.
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Fotos: Hessischer Rundfunk

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