Neue Musikbücher: „1967 – als Pop die Welt veränderte“ und zwei Werke über Jazz

Neue Musikbücher: „1967 – als Pop die Welt veränderte“ und zwei Werke über Jazz

Nachdem der Münchner Musikjournalist und Autor Ernst Hofacker schon 2012 die Entwicklung der populären Musik „Von Edison bis Elvis“ nachgezeichnet hatte und dabei auch die 60er Jahre streifte, fokussierte er sich in seinem neuen Buch auf ein einziges Jahr: „1967 – Als Pop unsere Welt für immer veränderte“ heißt es. Und es ist – um es vorweg zu nehmen – rundum gelungen und äußerst lesenswert. Kurzum: eine sehr lohnende Lektüre.

Hofacker zeigt, wie einmalig das Jahr 1967 gleich in mehrfacher Hinsicht war und wie entscheidend die Ereignisse dieser zwölf Monate das weitere Weltgeschehen prägten. Was damals begann, war die Durchdringung der Welt mit Pop. Bezüglich der Geschichte der Populärkultur, wird man davor und wohl auch danach kein Jahr finden, das Vergleichbares zu bieten hat. Nach Lektüre der gut 250 Seiten, die um Buch-, Film- und Musiktipps sowie ein ausführliches Register ergänzt werden, kann man dem Autor nur zustimmen. Optimismus, Freiheit, Flower Power und Erneuerung sind die Stichworte, die mit dem Jahr 1967 einhergehen. Auf Deutschland bezogen stellt Hofacker fest: „Es war, als hätte jemand sämtliche Fenster geöffnet, um endlich den stickigen Mief eines langen, düsteren Winters aus dem Haus zu lassen und bei der Gelegenheit auch gleich jene Leichen ans Tageslicht zu holen, die diese Gesellschaft seit Jahrzehnten im Keller unter Verschluss gehalten hatte.“

Und weiter: „Spätestens in diesem Jahr hat sich die Rockmusik zum Sprachrohr und Stimmungsbarometer einer Jugendkultur entwickelt, die es so noch nicht gegeben hatte. Die Popmusik wurde Ausdruck von Lebensgefühlen, politischem Protest und Zukunftsträumen.

Keine Frage, im turbulenten Jahr 1967 entstehen pophistorische Meilensteine, zumeist Debütalben, von so unterschiedlichen Bands und Solo-Artisten wie Velvet Underground & Nico, Cream, Jimi Hendrix Experience, Procol Harum, Leonard Cohen, Pink Floyd und so weiter. Und über allem strahlt der Stern von „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, dem Meisterwerk der Beatles.
Der Stein, den Elvis Presley zehn Jahre vorher ins Rollen gebracht hatte, war jetzt zu einer globalen Kulturlawine angewachsen. Die Hippies in Kalifornien feierten den „Summer of Love“ und schluckten LSD. Soul und damit schwarze Musik wurde populär und Dylan strickte am Americana-Mythos.

Eine verrückte Zeit. Eine Zeit des Aufbruchs in jeder Hinsicht. Die Rockmusik wird zum Sprachrohr und Stimmungsbarometer einer Jugendkultur, die es so noch nicht gegeben hatte. Der Autor liefert dazu 13 Kapitel Pop- und Zeitgeschichte.

Hofacker arbeitet die Ereignisse des Jahres 1967, das Davor und das Danach, nicht chronologisch auf. Er nimmt die Leser vielmehr mit auf einen Pop-Trip von der Westküste in den Süden sowie Osten der USA und weiter über den Atlantik bis nach England und West-Deutschland. Dabei liefert Hofacker auch viele lohnenswerte Blicke auf das Geschehen abseits der Musik, wie bildende Kunst, Politik, Sport und Literatur.

Während die Hippies weltweit den „Summer of Love“ propagieren, tut sich auch politisch eine Menge. Anlässlich einer Demonstration in Berlin von politisch Linken erschießt ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg und wird vor Gericht freigesprochen, was unter anderem zur Radikalisierung der Studentenbewegung führt. Im Nahen Osten sorgt der Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und seinen Nachbarstaaten für Zündstoff.
Revolutionsführer, Ernesto „Che“ Guevara, wird von der bolivianischen Armee getötet und avanciert nach seinem Tod zur Stil-Ikone unter politisch Andersdenkenden. Und die Zuspitzung des Einmarsches der USA in Vietnam führt dazu, dass sich immer weniger Amerikaner mit dem Krieg in dem asiatischen Land identifizieren können oder wollen.

Was folgt im Jahr 1968: Martin Luther King und Robert Kennedy werden erschossen, im März 1968 verüben US-Soldaten in Vietnam das Massaker von My Lai, in Paris revoltieren die Studenten, in Prag wird der Versuch eines menschlichen Sozialismus durch militärische Intervention abgewürgt.

Fazit: Hofackers großes Verdienst ist es, sehr gut recherchiert zu haben. Er bleibt nie an der Oberfläche und räumt mit manchen Mythen auf. Eine dicke Empfehlung!

Jazz: Eine Geschichte von 1900 bis übermorgen

Der bekannte Jazz- und Rockautor Wolf Kampmann widmet sich in seinem neuen Buch „Jazz: Eine Geschichte von 1900 bis übermorgen“ auf knapp 400 Seiten dem Phänomen Jazz in seinen vielen Schattierungen. Fans des Genres werden vielleicht einwenden, brauchen wir unbedingt noch ein Jazz-Kompendium. Ein solches, wie Kampmann es geschrieben hat, ja, in der Tat. Denn er vermag es vortrefflich Dinge zu erklären und einzuordnen. Er steigt tief ein in diese bunte Jazzwelt, von den Anfängen bis heute und darüber hinaus. Er macht Dinge aktenkundig, beschreibt und ordnet ein, gibt schlüssige Antworten.

Für Kampmann gibt es d e n Jazzhörer als solchen gar nicht mehr. „Ich denke, da muss sich der Jazz neu ausrichten und ich denke, da muss er auch seine Hörer gewissermaßen an einer anderen Stelle abholen, als er das in der letzten Zeit getan hat.“ Mit dieser These steht er sicherlich nicht alleine da.

Kampmann, 1962 in Zwickau geboren, hat sich zuerst als kundiger und eloquenter Rockmusik- und Jazzjournalist für Radio, Zeitschriften und Zeitungen einen Namen gemacht, bevor er Co-Autor des Rowohlt Rocklexikons wurde und dann 2003 Reclams Jazzlexikon herausgegeben hat. Er unterrichtet zudem am Jazzinstitut der Universität der Künste in Berlin und ist Lehrbeauftragter für Popgeschichte und Journalismus an der Hochschule der Populären Künste.

In seinem aktuellen Jazzbuch entmystifiziert er in 24 Kapiteln so manche musikalische Entwicklung wie zum Beispiel den Bebop. Der verdankt seine steile Karriere in den 40er Jahren in New York weniger der Faszination an der Neuen Musik als vielmehr dem Zweiten Weltkrieg. „1941 wurde eine Vergnügungssteuer … auf Tanzveranstaltungen erhoben … Für die Veranstalter lohnte es sich kaum noch, die großen Tanzorchester zu engagieren. Der als arhythmisch empfundene Bebop stand nicht im Verdacht, zum Tanzen zu animieren, und war daher für die Clubbetreiber ungleich attraktiver.“ So wurde dem bis dahin vorherrschenden Bigband-Swing das Wasser abgraben.

Der Bebop brachte zahlreiche geniale Musiker hervor. Drei von ihnen, Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Thelonious Monk, stellt der Autor als prägende Gestalten des neuen Stils ausführlicher vor.

Kampmann befasst sich immer wieder intensiv mit den kulturellen, politischen und ökonomischen Verhältnissen, die den Jazz prägten. Es geht ihm weniger um die Genies des Jazz, natürlich erwähnt er sie alle, als vielmehr um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen sich die verschiedenen Jazzrichtungen entwickelten. So wurde der Jazz in den 50er Jahren bewusst zum Teil der Bürgerrechtsbewegung. In den Siebzigern engagierten sich Jazzmusiker dann für die Friedensbewegung, protestierten gegen den Vietnamkrieg. Mit der Bewegung „black lives matter“ kommt die Politik im 21. Jahrhundert wieder zurück in den Jazz.
Der Schwerpunkt des Buches liegt eindeutig auf den USA und zeigt, wie Techno, HipHop, Rap ihren Einzug in den Jazz hielten, sich eine jüdische Jazzavantgarde gebildet hat. Die deutsche oder europäische Jazzgeschichte wird zwar auch beleuchtet, aber doch eher am Rande. Trotzdem kann man sagen, dass Kampmann einen faszinierenden Einblick in die Jazzgeschichte gewährt.

John Coltrane

Ein weiteres bemerkenswertes Buch aus dem Reclam-Verlag hat den großen Saxofonisten John Coltrane zum Thema. Coltrane war nicht einmal 40 Jahre alt als er am 17. Juli 1967 starb. Und doch hat der Saxofonist aus North Carolina Spuren hinterlassen, die bis in die Gegenwart reichen und wahrscheinlich noch bis weit in die Zukunft. Aber warum eigentlich? Was macht ihn unter den unzähligen Saxofonisten im Jazz dieser Welt so einzigartig? Antworten darauf, gibt Peter Kemper, ehemaliger Kulturredakteur im Hessischen Rundfunk, in seiner Coltrane-Biografie. Für Kemper steht fest: John Coltrane ist Inspiration und Vorbild für viele Musiker. Kemper beschreibt ihn als Jazz-Musiker im 20. Jahrhundert, der einzigartig war und wie kein anderer in so kurzer Zeit eine so rasante und zugleich radikale künstlerische Entwicklung durchlaufen hat wie er. Das belegen seine Schallplattenaufnahmen und seine Konzerte. „Ich glaube, seine ganze Karriere war eine ständige Suchbewegung. Wenn er mal einen Stil gefunden hatte, sei es nun die modale Spielweise bei Miles Davis oder vorher auch die Bebop Changes, dann war das schon für ihn uninteressant geworden. Wenn er es einmal erforscht hatte, dann wandte er sich ab, oft zum Leidwesen übrigens der Fans und auch der etablierten Jazz-Kritik. Er suchte dann gleich etwas Neues“. Er war, wie Kemper es ausdrückt, ein Suchender aus Leidenschaft. Und diese radikale Suche, dieses radikale sich selbst in Frage stellen, das macht ihn laut Kemper auch so interessant.

Coltrane hat als Musiker schon sehr früh andere Elemente aufgenommen zu Zeiten als es so etwas wie Crossover noch gar nicht gab. So hat er schon früh afrikanische oder orientalische Einflüsse übernommen. Er war z.B. ein großer Fan von Ravi Shankar.

Er hat ja auch die sogenannten „sheets of sounds“ erfunden bzw. entwickelt. Das sind Klangflächen, die aber eben nicht daraus bestehen, dass sie langgezogene Töne sind, sondern dass sie ganze Tonkaskaden in einer besonderen Tonalität wiedergeben. Übrigens oft kopiert und nie erreicht.

Bis zur vollkommenen Selbstaufgabe erforschte Coltrane in den zwei Jahrzehnten seiner Karriere sein Instrument und trieb es in gänzlich neue Ausdrucksbereiche. Je weiter er sich von der Melodik des Rhythm ’n’ Blues, von den Akkord-Brechungen des Bebop und der Skalen-Weite des modalen Jazz entfernte, am Ende nur noch sprachähnliche Schreie auf seinem Horn produzierte, umso stärker wurden ihm zugleich die Beschränkungen des Instruments. So war es nur konsequent, dass er in Momenten höchster Ausdrucksintensität auf dem Saxofon verstummen musste. Ihm gingen nicht nur die Noten aus, das Musikinstrument selbst erwies sich als untauglich.

Vom Bebop zum Free Jazz, vom schützenden Hort formaler Strukturen zur erschreckenden Einsamkeit der Freiheit. „Trane“ – so sein Spitzname – war ein Antreiber und ein Getriebener zugleich. In seiner einundzwanzigjährigen Karriere – vom namenlosen Mitglied einer Militärband 1946 auf Hawaii bis zur Vaterfigur des Free Jazz 1967 in New York – stellte er den Jazz vom Kopf auf die Füße. Am Ende seines Lebens ging es nur noch um Sound, um den puren Klang, der alle kompositorischen Anstrengungen, alle solistischen Formen und Strukturen hinter sich gelassen hatte. Sein Ruf gründet sich nicht zuletzt darauf, dass er als ein gegenüber allen kommerziellen Verlockungen standfester und prinzipientreuer Musiker gewesen ist.

Radikal neue Erkenntnisse über den Saxofonisten sind aus dem Buch nicht zu erwarten, zu zahlreich sind die Biografien, Studien zuhauf liegen ebenfalls vor. Kemper geht es um eine eigene Sichtweise. Der Autor will wissen und dem Leser näher bringen, warum dieser Klang ein Rätsel bleibt, über sich hinausweist und berührt.
Zu Recht weist Kemper darauf hin, dass Coltrane „ein Antreiber und ein Getriebener zugleich“ war. Die Dringlichkeit in Charlie Parkers Spiel, den er einst live hörte, wurde für ihn zu einem Leitmotiv. Von Heroin und Alkohol fast ausgezehrt folgte für Coltrane die Umkehr. 1957 kam seine „spirituelle Erweckung“, die Jahre später in die vierteilige Suite „A Love Supreme“, der berühmtesten Session der Jazzgeschichte, führte.
Coltranes Biographie ist aufregend. Peter Kempers Text ist ungemein lesenswert und auch für Jazz-Novizen nachvollziehbar. Coltranes Streben nach Wahrhaftigkeit durch das Medium des Klangs steht eindeutig im Mittelpunkt dieser Biografie. Freilich gesteht der Autor am Ende ein, dass die Faszinationskraft dieses Mannes „nicht vollständig enträtselt ist“.

Ernst Hofacker: „1967. Als Pop unsere Welt für immer veränderte“, Reclam Verlag, 272 Seiten, 34,95 Euro

Wolf Kampmann: „Jazz: Eine Geschichte von 1900 bis übermorgen“
Reclam Verlag,
 392 Seiten, 34,95 Euro

Peter Kemper: „John Coltrane“, Biographie, Reclam Verlag, 207 Seiten, 25,00 Euro

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