Die wegotmusic.de Nachlese zum 47. Deutsches Jazz Festival

Die wegotmusic.de Nachlese zum 47. Deutsches Jazz Festival

Das legendäre Beatles-Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ wurde nie live aufgeführt. 50 Jahre danach hat jetzt der britische Pianist und Arrangeur Django Bates mit der hr Bigband dies in Frankfurt nachgeholt. Zum Auftakt des 47. Deutschen Jazzfestivals in der ausverkauften Alten Oper erhielten Songs wie „All You Need Is Love“, „Penny Lane“ oder „Lucy in the Sky“ einen neuen Sound. Ein Experiment, das leider zum Flop wurde. Denn dieses epochale Album der Fab Four steht für sich, es ist ein großes Werk der Popgeschichte. Man sollte es beim Original belassen, nahezu jeder hat die Songs im Kopf, kennt sie in- und auswendig. Alles herumdoktern an diesem Album kann also nur misslingen wie jetzt in Frankfurt geschehen. Der Neuinterpretation mangelte es an vielem. An der Konzeption, der fehlenden Integration der hr Bigband, dem überforderten Sänger Martin Dahl und dem teilweise miserablen Klang. Und so befand sich dieses Konzert von Beginn an im Vergleich mit dem Original auf der Verliererstraße.

Doch wo Schatten ist, ist bekanntlich auch viel Licht. Bei dem auf fünf Tage erweiterten Festival, das diesmal an drei verschiedenen Spielorten – Alte Oper, hr-Sendesaal und Mousonturm – stattfand, gab es diverse Highlights, die das Herz der Jazzfreunde erfreute. So bot der Auftritt von Chucho Valdés (Piano) und Joe Lovano (Saxofone) großes Jazzkino. Valdés ist der große, alte Mann des kubanischen Jazz und gilt als Duke Ellington Kubas. Der Pianist und Komponist, Gründer der legendären Band Irakere, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert, steht wie kein anderer für die gelungene Verbindung von kubanischer Musik mit anderen Musikgenres.

Da waren sie zu hören die perkussiven Blockakkorde, die Arabesken mit der rechten Hand, die wunderschönen Melodien. Sein Counterpart, der amerikanische Saxofonist Joe Lovano, rundete die Musik mit Balladentönen und wechselnden Tempi ab und machte klar, hier ist einer der kreativsten und swingendsten Tenorsaxofonisten unserer Zeit am Werk. Dazu gesellte sich eine kubanische Rhythmusgruppe, die das ganze zu einem Gipfeltreffen, ja zu einem funkensprühenden Ereignis, das Kopf, Herz und Füße gleichermaßen zum Vibrieren bringt, machte.

Das älteste Festival seiner Art weltweit wurde 1953 gegründet und es war immer für Überraschungen, Wagnisse und außergewöhnliche Produktionen gut. Das war diesmal nicht anders. Phronesis hieß eine Band, die Überraschendes bot. Das skandinavisch-englische Trio mit Jasper Høiby (Kontrabass), Ivo Neame (Piano) und Anton Eger (Schlagzeug) war vieles zugleich, ein Poweract mit minimalistischen Einlagen und vertrackten Rhythmen und ganz starken solistischen Momenten.

Wie gut das „Verjazzen“ von Popmusik gelingen kann, demonstrierte der US-Gitarrist John Scofield. Er lässt alte Schlachtrösser der Country-Music von Hank Williams, Merle Haggard oder Dolly Parton aufleben, sozusagen eine Art Rückbesinnung auf die Musik seiner Kindheid. Formidable ist dabei nicht nur die jazzige Aufarbeitung der Musik zu nennen, sondern auch seine Band mit Larry Goldings (Keyboards), Steve Swallow (Bass) und Bill Stewart (Drums).

Als Kontrast dazu folgte Myra Melford und „Snowy Egret“. Die US-Pianistin Myra Melford ist leider eine der übergangenen Größen des zeitgenössischen Jazz – und das ist schade. In ihrer Band spielen Ron Miles (Trompete), der Japaner Stomu Takeishi bedient neben dem 5-saitigen elektrischen bundlosen Bass auch eine akustische Bassgitarre und sorgt mit seinem expressiven, körperbetonten Spiel für die zupackende Basis der Band. Der in London geborene Gitarrist Liberty Ellman macht musikalisch seinem Vornamen alle Ehre und nimmt sich in seinem Spiel viele Freiheiten. Am Schlagzeug agierte Gerald Cleaver vielen Jazzfans noch aus der Band von Trompeter Tomasz Stanko bekannt. Insgesamt ein sehr starker Auftritt!

Einen äußerst starken Eindruck hinterließ auch die Band Aziza. Dahinter verbergen sich Dave Holland, Chris Potter, Lionel Loueke und Eric Harland. Eine Besetzung, die jedem Jazzfan das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt! Im Mittelpunkt stehen die schnörkellosen Bassläufe von Dave Holland, die sich wie ein roter Faden durch den Sound des Quartetts ziehen. Holland, der u.a. mit Miles Davis, Chick Corea, Anthony Braxton, John Abercrombie und Jack DeJohnette zusammenspielte ist ein beharrlicher und konsequenter Instrumentalist. Und er lässt seinen Mitstreitern viel Raum, dem aus Benin stammenden Gitarristen Lionel Loueke ebenso wie dem zupackenden und leidenschaftlich spielenden Saxofonisten Chris Potter sowie dem groovenden Drummer Eric Harland.

Fazit: Das 47. Deutsche Jazzfestival bot insgesamt faszinierenden Jazz mit wenigen Einschränkungen.

Weitere Infos auf der Seite des Festivals sowie der Webseite von Phronesis und der Seite von John Scofield.

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