Kicks & Sticks: Als der Swing das Maß aller Dinge war

Kicks & Sticks: Als der Swing das Maß aller Dinge war

„70 Jahre Hessen“ wurde landauf landab gebührend gefeiert. Und auch Hessens Jungjazzer haben das Jubiläum mit einer feinen Album-Produktion unter dem Titel „Wunderland“ adäquat gewürdigt. Es ist eine Reminiszenz an vergangene Jazztage, an Amerika und seine „Swingzeit“ ohne allzu sehr der Nostalgie zu verfallen. Gleichzeitig huldigen die Musiker des Landes-Jugend-Jazz-Orchester Hessen „Kicks & Sticks“ unter der Leitung von Bandleader Wolfgang Diefenbach dem Sound der Freiheit im Nachkriegsdeutschland. Hessen war damals der Hotspot und Dreh- und Angelpunkt für US-Jazz. Schließlich war Wiesbaden Hauptsitz der US Army und im Kurhaus gab es den Eagle Club, wo der Jazz eine feste Heimstatt fand. So gesehen war Wiesbaden nach dem 2. Weltkrieg neben Frankfurt ein Urquell für Jazz (Big Band Jazz) in Deutschland.

Zur CD: Was das 20-köpfige Orchester und das Vocal-Ensemble „Kicks & Sticks Voices“– hier musikalisch auf die Beine stellen, ist aller Ehren wert. Mehr noch, die jungen Akteure – Höchstalter 25 Jahre – sind mit dieser Produktion über die eigenen hohen Standards seit ihrer ersten preisgekrönten CD „Kicks & Sticks“  noch hinausgewachsen. Hier stimmt einfach alles: grandioser Sound und hervorragende Solisten, stilistische Bandbreite, raffinierte Dynamiksprünge, improvisatorisches Potenzial, fette Big Band-Riffs, klug gesetzte Bläserarrangements, Transparenz in der Satzarbeit und hohes handwerklich-technisches Können. Dazu kommt ein breit gefächertes Repertoire: Von Glenn Miller über Hoagy Carmichael, Benny Goodman, Duke Ellington, Tito Puente bis zu Klaus-Günter Neumanns „Wunderland bei Nacht“.

Auf der sehr gelungenen CD wirken auch Gastsolisten mit. Der niederländische Jazz- und Soulsänger Humphrey Campell beispielsweise, der in bester Nat King Cole-Manier ein  wunderbares Medley beisteuert. Madeline Bell verleiht mit ihrer unwiderstehlichen Stimme Duke Ellingtons Standard „Don’t Get Around Much Anymore“ neuen Glanz. Bill Ramsey, lange Zeit Wiesbadener mit ganzem Herzen, ist mit dem Jazz-Klassiker „Fly Me To The Moon“, den Frank Sinatra seinerzeit weltberühmt machte, mit von der Partie. Jazz-Legende Emil Mangelsdorff schließlich hat den Saxofonpart in Count Basies Nummer „Down For The Count“ übernommen.

Die Geschichte des Jazz ist eine unendliche Geschichte, die inzwischen durch die Begeisterung von (jungen) Musikern und Fans in aller Welt ständig fortgeschrieben wird. Das vorliegende Album ist der beste Beweis dafür.

Kicks & Sticks (Landes Jugend Jazz Orchester Hessen): „Wunderland“, 70 Jahre Hessen 1946-2016, erschienen bei Chaos Records.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.