Sternekoch Vincent Klink auf Lesetour mit Jazzpianist Patrick Bebelaar

Sternekoch Vincent Klink auf Lesetour mit Jazzpianist Patrick Bebelaar

Es war zweifellos ein Programm für Feinschmecker und zwar in doppelter Hinsicht. Zum einen weil Meisterkoch Vincent Klink aus seinem neuen Buch „Ein Bauch spaziert durch Paris“ vorlas und auch musikalisch mit seinem Spiel auf der Basstrompete überzeugte, zum anderen weil mit Patrick Bebelaar einer der renommiertesten Jazzpianisten den Sternekoch kongenial begleitete.

Paris, die Welthauptstadt des guten Essens hat es Vincent Klink angetan. Klink ist ein leidenschaftlicher Paris-Erkunder. Und der genaue Beobachter hat viel zu erzählen. Es ist das Buch eines Mannes, der sich sehr intensiv mit der Stadt Paris auseinandergesetzt hat. Mindestens 50 Mal sei er dort gewesen, erzählt er bei seinem Auftritt in der Darmstädter Centralstation.

So en passant schildert der Meisterkoch die Geschichte der französischen Küche von der Revolution bis heute. Er erzählt von anderen Meisterköchen, Gourmets und der Alltagsküche – und stößt dabei immer wieder auf die großen Dichter und Denker. So beobachtet er Balzacs Schlingern zwischen Fettleber und Fasten, begleitet die Brüder Goncourt bei ihren Restaurantbesuchen, sitzt mit Baudelaire und Flaubert zu Tisch. Er trifft berühmte deutsche Emigranten und erfährt etwa von Heinrich Heine, dass dieser sich von einer Art Pizza-Lieferdienst avant la lettre versorgen ließ.

Das alles geschieht in einem charmanten Plauderton. Klink flaniert durch Gegenwart und Vergangenheit, durch Kulturgeschichte und Kulinaristik.

Vincent Klink betreibt seit 1991 das Restaurant „Wielandshöhe“ in Stuttgart und wurde für seine Leistungen mit einem Stern und 16 Punkten im Gault Millau ausgezeichnet. Zweimal wöchentlich kocht er im Mittagsmagazin „ARD Buffet“. Er macht mit Begeisterung Musik, schreibt Kochbücher und ist außerdem Mitherausgeber der literarisch-kulinarischen Kampfschrift „Häuptling eigener Herd“.

Für eine nicht minder ausgezeichnete musikalische Begleitung der kulinarischen Reise sorgt auf der Lesereise Pianist Patrick Bebelaar. Im Jahr 2000 wurde er mit dem Jazzpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet. Er arbeitet seit vielen Jahren mit internationalen Kollegen wie Michel Godard, Joe Fonda, Gavino Murgia, Günter „Baby“ Sommer, Dieter Ilg, Herbert Joos, Günter Lenz, Pandit Prakash Maharaj, Pandit Vikash Mahraj, Hakim Ludin, u.v.a. zusammen. 
Spartenübergreifend trat er mit Schriftstellern wie Peter O. Chotjewitz, Peter Härtling, Wiglaf Droste und Wolfgang Kiwus auf.

Zurück zu Vincent Klink: „Barocke Figur, die sinnlichen Lippen eines Karpfens, der Gang eines Cowboys“ – so wurde er in einem Porträt auf Deutschlandradio beschrieben.

Tatsächlich sieht der 66-jährige Schwabe noch wie ein Koch alter Schule aus: eine imposante Erscheinung, ein Genussmensch, der von sich sagt: Das einzige Gelübde, das er ablege, sei, „niemals eine Fastendiät zu machen.“ Gefastet wird hier weiß Gott nicht – wer fasten will, sollte was Anderes lesen. Aber wer glaubt, in Klinks literarischer Paris-Hymne würde es „nur“ um eine kulinarische Bestandsaufnahme gehen, der irrt. Der Stuttgarter Koch kennt sich verteufelt gut auch jenseits der leiblichen Genüsse aus, soll heißen: er schaut dort keineswegs nur in die Kochtöpfe. Ihn interessiert schlichtweg alles. Und darüber schreibt er. Über das moderne Paris. So wie es heute ist. So wie er es erlebt. Und er unterfüttert es mit allem, was er über die Geschichte weiß, und nicht zu vergessen, auch mit den unterhaltsamen Geschichten, die er ausgegraben hat. Das schließt die Literatur, die politischen Geschichte, die bildenden Kunst und Architektur mit ein. Wer mit diesem Buch den Flaneur Klink in seine Lieblingsstadt begleitet, lernt viele Orte und Ereignisse kennen, die von der Größe und Bedeutung der Seine-Metropole zeugen: Les Halles, die grandiosen Sichtachsen der Stadt (Napoleon III. und Baron Haussmann!), Eiffelturm, Buchhandlung Shakespeare and Company, Place Vendôme und Notre-Dame,  Père Lachaise und Montmartre, das Hotel Ritz etc. Und auf jede Menge großer Namen stößt man in dieser kleinen Pariser Kulturgeschichte auch: Camille Claudel und Gertrude Stein, und Simone de Beauvoir, Balzac und Proust, Heinrich Heine und Jim Morrison, Sartre und Camus, die Brüder Goncourt, Walter Benjamin und Paul Celan, Paul Cézanne und Gustave Courbet, Auguste Rodin und Picasso, Balthazar Grimod de la Reynière, Alain Ducasse und Paul Bocuse, Karl Lagerfeld und Coco Chanel, James Joyce, Georges Simenon und Kommissar Maigret …

Übrigens: mit Vincent Klinks Spaziergängen durch Paris ist es so eine Sache. Natürlich spaziert er auch mal durch die Stadt, lässt sich durch die Arrondissements, treiben, von Museum zu Bistro und von Sehenswürdigkeit zu Sternerestaurant. Aber als Schwabe weiß er auch seine Kräfte einzuteilen, Paris ist schließlich nicht Schwäbisch Gmünd, wo er herstammt. Und so hat er sich entschieden, auf einem E-Bike mit Elektropower über die Plätze und durch die Straßen und Parks zu rauschen.

Denn Paris hat so viele Sehenswürdigkeiten, so viele Genüsse. Eine Handvoll toller Rezepte nehmen die Leser dieses Buches sicher auch gern mit. Zum Beispiel die „Jüdische Hühnersuppe à la Vincent“, „Blanquette de Veau“ (helles Kalbsragout) oder die sensationelle „Tarte Tatin“, eingebettet in die wundersame Geschichte der beiden unverheirateten Schwestern Caroline und Stéphanie Tatin aus Lamotte-Beuyron.

Fazit: Ein kluges, amüsantes, wunderbar gestaltetes Buch, das man nach den Terroranschlägen vom November 2015 noch einmal ganz anders liest: als Liebeserklärung an jene Stadt, die untrennbar mit der Proklamation von „Liberté, Égalité, Fraternité“ verbunden ist. Das Buch ist so anregend und kenntnisreich geschrieben, dass man gleich den Koffer packen und losfahren möchte.

Vincent Klink: „Ein Bauch spaziert durch Paris“, Rowohlt Verlag, 2015, 285 Seiten, 19,95 Euro

www.wielandshoehe.de

www.bebelaar.de

 

 

 

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