Oscar Peterson: Es war einmal im Schwarzwald…

Oscar Peterson: Es war einmal im Schwarzwald…

Mit seinem Klavierstil bleibt Oscar Peterson für immer eine absolute Referenz der Jazz-Historie. Nur wenige andere Pianisten haben es vermocht, kraftvolle Technik mit traditionsverpflichteter Poesie in solcher Vollkommenheit zu verbinden.

Ein untrennbarer Teil seines Schaffens ist der Blues, der fast immer bei seinen Bühnenauftritten mitschwingt. In einem Interview hat Peterson einmal geäußert: „Für mich ist ein Jazzstück kein Jazzstück, wenn es überhaupt kein Bluesfeeling hat“.

Petersons Swing ist dabei stets präsent und nimmt verschiedene Formen an. Er improvisiert abstrakte, blitzschnelle Bop-Linien, aber auch melodische Soli sind seine Sache. Es mag vielleicht tiefgründigere Pianisten im Jazz gegeben haben, aber keiner hat seinem Publikum soviel Freude bereitet wie er. Der großgewachsene und schwergewichtige Kanadier verschmolz Art Tatums Virtuosität mit Bud Powells Schnelligkeit zu einem auch kommerziell ansprechenden Stil.

Kürzlich ist ein sowohl spielerisch als auch tontechnisch herausragendes Vermächtnis des Meisterpianisten erschienen. Es handelt sich um die CD-Box „Exclusively for my friends“ bestehend aus sechs CDs mit Aufnahmen aus den Jahren 1963 bis 1968 aufgenommen im Schwarzwald beim MPS-Label. Dazu kommen zwei CDs unter dem Titel „The Lost Tapes“. Alles zusammen ergibt ein Werk von epochaler Musik. Diese Wiederveröffentlichungen gibt es auch auf Vinyl: Alle 6 Original LPs der Serie mit einem Booklet, das u. a. Scans der Tonband-Verpackungen und Linernotes zum audiophilen Re-Mastering-Prozess des AAA-Produzenten Dirk Sommers enthält. Ein echter Brocken, fast zweieinhalb Kilo schwer und ein Objekt der Begierde für viele Peterson-Fans.

Die Beteiligten, ein erlauchter Kreis großartiger Musiker, sind schnell aufgezählt. Am Klavier: Oscar Peterson. An Bass und Schlagzeug: anfangs Ray Brown und Ed Thigpen (oder Louis Hayes), dann Sam Jones und Bob Durham. Immer am Mischpult: Hans Georg Brunner-Schwer.

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Seiner Familie gehörte die Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt, kurz Saba. Radios, Kühlschränke, Tonbandgeräte, Fernseher. Brunner-Schwer hatte es aber mehr mit den Ohren. Er wollte Jazz hören und festhalten; in seinem Wohnzimmer richtete er sein erstes Studio ein. Bald karrte er in Zürich gastierende Jazzgrößen nach Villingen. Den schwarzen Pianisten aus Kanada überzeugte die bis dahin unerreichte Feinheit der Aufnahmen. Er sagte seiner Plattenfirma Verve „goodbye“, um sich einem deutschen Ingenieur anzuvertrauen. So entstand das Weltlabel MPS: Musik Produktion Schwarzwald.

Jedes einzelne Album ist eine Kostbarkeit, eine Preziose, die besonders schön funkelt. Sollte ich nur eines der sechs Alben auswählen dürfen, so fiele meine Wahl gewiss auf Volume IV „My Favorite Instrument“, zumal Peterson hier vollkommen solo spielt, während er ansonsten von seinem Trio begleitet wird.

Mein Solitär wäre darauf „Lulu’s Back in Town“, eine von Peterson in zwei Minuten und neun Sekunden quasi mit der linken Hand hingeworfenen Skizze, wie es eben nur ein echter Maestro vermag. Doch was heißt hier eigentlich „Meister“, Peterson ist ein Weltmeister. Die technische Brillanz seines Klavierspiels ist nicht zu überbieten. Aber sie ist nur eine Facette seiner Meisterschaft. Ebenso wichtig sind sein Swing, Drive und sein Timing. Dazu kommt seine nie versiegende Vitalität. Fazit: Tiefer wird man wohl kaum in die Welt eines Oscar Peterson eintauchen können als mit diesen CDs bzw. Schallplatten.

Noch ein Wort zu den oben erwähnten „The Lost Tapes“. Sie sind nicht etwa „Überbleibsel“ oder „Outtakes“ irgend einer Session, nein, alle Stücke präsentieren Peterson auf höchstem Niveau. Kein einziges schwaches Stück ist auf den beiden CDs zu hören und man kann nur hoffen, dass noch mehr von dieser Musik aus dem Schwarzwald ausgegraben und neu entdeckt wird.

Nachdem Peterson im Jahr 1993 einen Schlaganfall erlitten hatte, war sein Spiel auf dem Piano eingeschränkt. Trotzdem gab er weiterhin Konzerte. Er starb 2007 in seinem Haus in einem Vorort von Toronto. Er wurde 82 Jahre alt.

Oscar Peterson: „Exclusively For My Friends“ ist als CD-Box und auf Schallplatte mit 6 Vinyl-Scheiben im Schuber auf dem Label MPS (Vertrieb: Edel) erschienen. Mit dem Erwerb des legendären deutschen Labels MPS stärkt Edel seinen Jazz-Katalog.

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