Der Jazzgigant – 100 Jahre John Coltrane
Der Jazzgigant – 100 Jahre John Coltrane
Keiner spielte intensiver als er: Saxofonist John Coltrane. Am 23. September 1926 in Hamlet, North Carolina, geboren, wurde er nur 40 Jahre alt, veränderte aber den Klang und die Wahrnehmung des Jazz für immer. John Coltrane (1926–1967) ist unbestritten eine der wichtigsten Figuren im Pantheon des Jazz, ein wahrer Revolutionär des Genres. Mit seinem einzigartigen Œuvre hat der Saxofonist und Komponist die Musikgeschichte weit über den Jazz hinaus maßgeblich geprägt.
Am 23. September 2026 würde er 100 Jahre alt, einer der Jazz-Giganten des 20. Jahrhunderts, auf einem Sockel stehend mit Miles Davis. John Coltrane war dabei, als 1959 Miles Davis’ Meisterwerk „Kind Of Blue“ aufgenommen wurde. Damals war der Saxofonist noch nicht der Bilderstürmer und Erneuerer des Jazz, als der er bis heute gilt. In den 1960er Jahren revolutionierte Coltrane den Jazz, brach zu neuen musikalischen Ufern auf. Er hinterließ einige der ausdrucksstärksten musikalischen Dokumente überhaupt, die meisten dieser Alben nahm er beim Label Impulse! auf. Dazu gehört „A Love Supreme“, ein Meilenstein des Jazz.
Zu seinen Lebzeiten veröffentlichte er 25 Alben, von denen etliche Kultstatus erreichten, darunter „Blue Train”, „Giant Steps”, „My Favorite Things” und sein für einen Grammy nominiertes spirituelles Meisterwerk „A Love Supreme”. Doch noch heute wird seine Diskografie immer wieder durch sensationelle Aufnahmen ergänzt, die jahrzehntelang unentdeckt in den Archiven seiner Plattenfirmen und seiner Privatsammlung schlummerten. John Coltrane starb im Alter von nur 40 Jahren an Krebs. Er war in zweiter Ehe mit der berühmten Jazzharfenistin und Pianistin Alice Coltrane verheiratet, mit der er drei Söhne hatte, die ebenfalls Musiker wurden.
John William Coltrane erblickt am 23. September 1926 in Hamlet (North Carolina) das Licht der Welt. Sein Großvater, ein Methodisten-Priester, und die stark religiösen Eltern bringen den Jungen früh mit geistlicher Musik in Kontakt. Im Alter von zwölf Jahren entschließt sich John ein Instrument zu lernen. Er nimmt Klarinetten-Unterricht und merkt schnell: Die Musik ist seine Berufung.
Wenig später hört er durch Zufall die Count Basie Big Band im Radio. Der Teenager ist begeistert. Ganz besonders angetan hat es ihm Basies Tenor-Saxophonist Lester Young. Er tauscht seine Klarinette gegen ein Saxofon. Nach Abschluss des Musikstudiums in Philadelphia (1945) folgt das erste Engagement in einer Tanzband. Noch im selben Jahr wird er zur US-Navy einberufen. Er verpflichtet sich für das Militär-Orchester Melody Masters. Im August 1946 wird er aus dem Militärdienst entlassen und kehrt zurück nach Philadelphia. Ein Jahr später spielt er als Tenorsaxofonist in der Band von Eddie „Cleanhead“ Vinson mit. Danach war er Mitglied in weiteren bekannteren Bands, darunter die von Dizzy Gillespie 1949-51, Earl Bostic 1952-53, Johnny Hodges 1953-54 … bis Miles Davis ihn 1955 in sein Quintett holte und er durch sein Solo über „Round about Midnight“ mit einem Schlag bekannt wurde.
Der Einfluss Coltranes auf die zeitgenössische Musik kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er war ein Pionier des modalen und des Free Jazz und wirkte an bahnbrechenden Alben von Miles Davis und Thelonious Monk mit.
Etwa zur gleichen Zeit bringt eine neue Stilistik die Jazz-Landschaft gewaltig in Aufruhr. Pioniere wie der Trompeter Dizzy Gillespie oder der Saxofon-Virtuose Charlie Parker heben den Bebop aus der Taufe. John Coltrane verfällt dem neuen, komplexen Sound auf Anhieb.
Doch nicht nur die Musik bestimmt sein Leben. Er trifft auf das Trompeten-Genie Miles Davis. In diesen Tagen kommt Coltrane auch mit Heroin in Kontakt. Die Droge wird ihm schon bald darauf zum Verhängnis. 1949 erhält er einen Job in der Dizzy Gillespie Big Band. Allerdings setzt ihn der Meister nach kurzer Zeit aufgrund seiner Sucht wieder vor die Tür. Vor seiner Entlassung bei Gillespie lernt der aufstrebende Coltrane den Tenorsaxophonisten Yussuf Lateef kennen. Diese Bekanntschaft beeinflusst das spätere Schaffen von „Trane“ nachhaltig. Es ist das erste Mal, dass er mit östlicher Philosophie und Musik in Berührung kommt. Miles Davis, der kurz vor dem großen Durchbruch steht, nimmt ihn in sein Quintett auf. Dort spielt er unter anderem an der Seite Charlie Parkers und des Pianisten Red Garland. Davis gibt dem talentierten Saxofonisten den Freiraum, den er für seine künstlerische Entwicklung braucht. Dann ist es erneut das Heroin, das ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Noch im Oktober des produktiven Jahres verweist ihn Miles Davis wegen seiner Abhängigkeit der Band. Der gebrochene Künstler erkennt die schlimmen Ausmaße seiner Sucht. Er zieht sich daraufhin schlagartig aus der Öffentlichkeit zurück. Mit der Hilfe seiner Frau bewältigt er einen Entzug.
Befreit und höchst motiviert tritt Coltrane 1957 erneut auf den Plan. Sein alter Weggefährte Red Garland verschafft ihm einen Plattenvertrag, den der Musiker äußerst produktiv nutzt. Das Album „Blue Train“ mausert sich zu seinem ersten kommerziellen Erfolg. Auch Miles Davis freute sich über die Genesung seines Kollegen und nimmt ihn im Dezember 1957 wieder in seine Band auf. In dieser Zeit entwickelt Coltrane seinen eigenen, umjubelten Stil, die Sheets of Sound. „Sheets of Sound“ nennt der Kritiker Ira Gitler die Coltrane’sche Spielweise. Denn während andere Musiker ihre Soli lediglich mit ein paar spärlichen Motiven, Läufen oder melodischen Abänderungen bestreiten, scheint der Saxofonist vor Kreativität zu bersten. Jeden Akkord, jeden Ton eines Stückes führt Coltrane zu seinen Hochzeiten in eine neue Richtung und verleiht ihm auf diese Weise eine individuelle Bedeutung. Egal, ob es sich um die Interpretation bekannter Standards oder fortschrittlicher Eigenkompositionen handelt. Dabei entstehen dichte Tonfolgen, die sich wie Schichten (sheets) um die Melodie legen.
Kritiker und Publikum sind von seinem atemberaubend variantenreichen Spiel gleichermaßen begeistert. Mit der Platte „Giant Steps“ schafft Trane 1959 auch den finanziellen Durchbruch. Zu dieser Zeit wächst sein Interesse an indischer Musik und den Skalen, auf denen diese aufbaut. Vor allem die auf dem modalen Prinzip aufgebauten Ragas interessieren ihn dabei, da sie einen hervorragenden Rahmen für Improvisationen bieten.
Gemeinsam mit Pianist McCoy Tyner, Bassist Jimmy Garrison und Drummer Elvin Jones entsteht 1962 das John Coltrane Quartett. Mit dieser berühmtesten aller seiner Formationen spielt der Saxofonist einige sehr erfolgreiche Platten ein, darunter 1964 das modale und tief religiöse Meisterwerk „A Love Supreme“. Die Gruppe zerfällt ein Jahr später, als sich Coltrane verstärkt dem Free Jazz zuwendet. Der Avantgardist arbeitet von nun an vor allem mit dem Tenor-Saxophonisten Pharoah Sanders und seiner zweiten Frau, der Pianistin Alice McLeod, zusammen. In den folgenden Jahren verschlechtert sich Coltranes Gesundheitszustand dramatisch. Immer häufiger muss er seine ausgedehnten Konzerttourneen unterbrechen. Nach den Aufnahmen zu seinem letzten Album „Expression“, zieht sich der geniale Musiker in sein Haus in Long Island zurück. John Coltrane stirbt am 17. Juli 1967 an einem Leberleiden.
Coltranes beste Alben
Am 23. September 2026 wäre John Coltrane 100 Jahre alt geworden. Der Saxofonist hat den Jazz revolutioniert. Hier fünf der besten Coltrane-Alben.
GIANT STEPS (1959/60)

Ein Gänsehaut-Album: Neue harmonische Wendungen, eine neue Art der Phrasierung, ein neues Tempo, eine neue Form des Ausdrucks. „Giant Steps“, Riesenschritte, die machte John Coltrane mit diesem Album. Nicht nur das Titelstück, das sich durch eine besonders prägnante Harmonik auszeichnet, ist ein Klassiker. Bei „Giant Steps“ wechseln die Harmonien in einem von Coltrane entwickelten System in Terz- und Quartschritten. Da geht es rundrum im Quintenzirkel, bis heute beißen sich Jazzmusiker daran die Zähne aus. Pianist Tommy Flanagan, für die Studiosession am 4. und 5. Mai 1959 gebucht, wusste nicht genau, was ihn da erwarten würde. Coltrane legte ihm einen Zettel mit der Akkordfolge aufs Klavier und schon ging es los. Bei Coltranes Solo begleitete der Pianist ganz sparsam, nur die Akkorde. Das Klaviersolo danach gilt als ein Beispiel für das schönste Scheitern der Jazzgeschichte. Flanagan kommt gerade so durch seine Chorusse. Man kann auch mit Gänsehaut zur Ballade „Naima“ schwelgen. Die hatte Coltrane für seine Frau Naima geschrieben. Seiner Tochter widmete der Saxophonist „Syeeda’s song flute“, ein absoluter Groover. „Countdown“ beginnt als wahnwitziger Dialog von Tenorsax und Schlagzeug. Ein musikalischer Höhepunkt nach dem anderen.
MY FAVORITE THINGS (1960/61)

Ein Walzer, fröhlich und ein Ohrwurm. Das Lied stammt aus dem Musical „The Sound of Music“, der Text erzählt von Regentropfen auf Rosen und cremefarbenen Ponys. Das Quartett von John Coltrane machte im Oktober 1960 im Studio aus dem Song ein Instrumentalstück von epischer Dimension. Knapp vierzehn Minuten dauert es. Immer noch ein Walzer, die schöne Melodie wird auch wirklich gespielt, aber dann schaukelt sich dieses Stück in einen immer mehr gesteigerten Vorwärtsdrang hinein; das Sopransaxophon zieht mit fast fiepend intensivem Klang immer expressiver werdende Schlangenlinien, das Klavier, gespielt von McCoy Tyner, einem Großmeister kantiger, den Raum öffnender Akkorde, hält dem insistierenden Solisten stoisch-anfeuernd den Rücken frei, und Bass und Schlagzeug (Steve Davis und Elvin Jones) weiten spannungsreich den Puls. Ein Cole-Porter-Song und zwei Stücke von Gershwin, darunter eine unbändig energiegeladene und ebenfalls episch angelegte Interpretation von „Summertime“, bieten weitere Facetten eines der größten Jazzmusiker aller Zeiten. Mit dieser Platte sollte Coltrane schlagartig die absolute Führungsrolle im Modern Jazz Anfang der 60er Jahre einnehmen. Seelensound für die Ewigkeit.
COLTRANE AND JOHNNY HARTMAN (1963)
Coltrane, dieser Grübler, dieser saxofonistische Denker, zusammen mit einem Sänger? Ein Repertoire aus Liebesliedern? Geht sowas überhaupt? In der Tat es geht. Und zwar mit einem unbedingt hörenswerten Ergebnis. Der Produzent des Impulse-Labels Bob Thiele hatte 1963 die Idee, etwas mit einem Sänger zu machen. Seit zwei Jahren war Coltrane bei diesem Label und er hatte eigentlich absolute künstlerische Freiheit, aber manchmal gab es dann doch Eingriffe der Plattenbosse. In diesem Fall war der Deal: Coltrane durfte den Sänger aussuchen – und er wählte Johnny Hartman. Ein klassisch ausgebildeter Allrounder, der Mitte der 50er Jahre in London lebte und nach seiner Rückkehr in den USA fast vergessen war. Aber Coltrane kannte ihn als Sänger in der Band von Trompeter Dizzy Gillespie und schätzte die warme Baritonstimme Hartmans. Das Repertoire suchten sie gemeinsam aus, eines der Stücke kam aber sehr spontan hinzu. In seinem Buch „Impulse! – Das Label, das Coltrane schuf“ beschreibt Autor Ashley Kahn Johnny Hartmans Erinnerung an die Fahrt zur Aufnahmesession: „Als wir rausfuhren ins Studio, hörten wir (…) „Lush Life“ im Autoradio. Ich sagte: Das ist ein phantastisches Lied und ich fing an, es im Auto zu singen, obwohl ich nicht den ganzen Text kannte.“ Die Version des Billy-Strayhorn-Klassikers „Lush Life“ ist wohl die eindrücklichste, die je gespielt wurde.
A LOVE SUPREME (1964/65)

Eine Jahrhundert-Aufnahme, legendär, Musik für die Ewigkeit. „A Love Supreme“ von John Coltrane ist ein Jahrhundertwerk. Eine viersätzige Suite, die den Geist des afroamerikanischen Jazz widerspiegelt wie wenig anderes. Coltrane komponierte die Musik im Jahr 1964 für sein sogenanntes „klassisches Quartett“ mit Pianist McCoy Tyner, Bassist Jimmy Garrison und Schlagzeuger Elvin Jones. Mit „Acknowlegdement – Resolution – Pursuance – Psalm“ sind die Sätze überschrieben. Eine kraftvolle Hymne, ein wütender Ausruf, eine virtuose Explosion und eine Saxofon-Psalmodie. „A Love Supreme“ ist ein Schrei gegen die Rassenunterdrückung, es ist eine Hymne für die Freiheit und ein Gebet zu Gott. Coltrane legt hier erstmals öffentlich seine tiefe Religiosität dar. Ein Werk, über das unendlich viele Worte geschrieben wurden, dem man sich aber nur durchs Hören wirklich annähern kann.
ASCENSION (1965)

Ein Mann auf einem Hocker. Ganz leicht nach vorn gebeugt sitzend, ein Gesichtsausdruck, den man nachdenklich finden könnte, mit einem Blick, der in die Ferne und zugleich nach innen zu gehen scheint. Der Mann ist der Saxofonist John Coltrane, zu sehen auf der Hülle einer seiner radikalsten und komplexesten Platten. Volle Kraftentfaltung einer groß besetzten Free-Jazz-Gruppe: Musik, die quietscht und röhrt, sich ballt und spreizt, mit wilden, wie durcheinander laufenden Stimmen. Aber auch eine Musik, die wie eine zum Tosen gebrachte Innenschau wirkt. Töne wie ein wirbelnder Bewusstseinsstrom. Immerzu. Immer weiter. „Ascension“ bedeutet Aufstieg, Himmelfahrt. Und man merkt schnell, dass diese entfesselten Töne eine spirituelle Dimension haben: ein wildes Auffahren ins Immaterielle, sich Auflösende. Die elf Musiker, darunter neben John Coltrane die Tenorsaxofonisten-Kollegen Archie Shepp und Pharoah Sanders, der Trompeter Freddie Hubbard, der Pianist McCoy Tyner, der Bassist Jimmy Garrison und der Schlagzeuger Elvin Jones, bewegen sich harmonisch völlig frei, zerbröseln einstige Klangkonventionen und entwickeln gemeinsam einen immensen Schub. Kein locker genießbares Vergnügen, diese Jazzplatte, aber ein überwältigendes Hörerlebnis. „Ascension“ ist ein in jeder Hinsicht gewaltiges Projekt.
Wie fasst man das Werk von John Coltrane zusammen? Eigentlich gar nicht. Zu groß ist die Spannweite zwischen Ballade und Ekstase, zwischen Blues, harmonischer Forschung, modaler Freiheit und jener spirituellen Suche, die insbesondere sein späteres Werk bestimmte. Und zu folgenreich war sein Weg: Coltrane, geboren am 23. September 1926, gehört zu jener kleinen Gruppe von Musikern, nach denen der Jazz ein anderer war als zuvor. Hundert Jahre nach seiner Geburt ist seine Bedeutung deshalb keineswegs nur historischer Natur. Coltranes melodische und harmonische Sprache gehört weiterhin zum Vokabular von Generationen von Jazzmusikern; seine Intensität und sein Wille zur Grenzüberschreitung reichen weit über das Genre hinaus. Gerade die Impulse!-Jahre zeigen dabei einen Musiker in permanenter Bewegung , vom souveränen Balladenspiel bis zu einer Musik, die Improvisation als spirituelle Erfahrung begreift.
Coltranes Musik fehlt, weil sie radikal war, weil sie sich allein Gott und der Musik verpflichtet fühlte und nicht zuletzt auch aus dem schlichten, aber gewichtigen Grund, weil sie nicht kommerziell war. John Coltrane ist der Inbegriff des unkommerziellen Musikers, und er ist auf dem Weg über die Grenzen dessen hinaus, was man als Musik vor ihm kannte, auch zu einem der befreiendsten Musiker der Musikgeschichte geworden. Er hat das Gesicht der Musik verändert, er hat es für alle Zeiten verändert.
Fotos: Jerry Wolford, Scott Muthersbaugh (Header)
unsplash.com / Darrell Fraser
