Miles Davis: Die Stil-Ikone wurde vor 100 Jahren geboren
Miles Davis: Die Stil-Ikone wurde vor 100 Jahren geboren
Der legendäre Trompeter war eine visionäre, innovative aber auch kontroverse Persönlichkeit
Schon zu Lebzeiten umgab Miles Davis die Aura einer Legende. Seinen Ehrenplatz im Jazz-Olymp hat er sich schon längst vor seinem Tod erspielt. Bereits nach den Quintettaufnahmen mit John Coltrane Mitte der 50er Jahre (Workin’, Steamin’, Cookin’, Relaxin’, Round About Midnight), spätestens aber nach den Orchesterwerken mit Gil Evans (Porgy And Bess und Sketches of Spain) sowie den Sextett-Einspielungen mit Cannonball Adderley und Coltrane (Milestones, Kind of Blue) galt Davis als Großmeister seiner Zunft.
Das Genie Miles Dewey Davis III wurde als Sohn eines Zahnarztes und einer Musiklehrerin am 26. Mai 1926 in Alton/Illinois geboren. Er wuchs in vermögenden Verhältnissen auf, eher ungewöhnlich für einen afroamerikanischen Haushalt im vom Rassismus geprägten Amerika des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts. Mit neun Jahren begann er Trompete zu spielen. Mit 18 zog er nach New York um Musik zu studieren, hing dort aber nur in The Street, der damals verruchten 52nd, ab. Zwischen hippen New Yorker Studenten, der Avantgarde des Jazz wie z.B. Dizzy Gillespie oder Charlie Parker, tummelte sich der noch nichts ahnende Davis, der sich von den Klängen des Bebops verführen ließ. Bald schon schmiss er das Studium, um seine ersten bezahlten Gigs zu bekommen. Mit führenden Beboppern wie Parker, J. J. Johnson, Kenny Clarke, Thelonious Monk und Fats Navarro machte er gemeinsame Sache. Schon bald holte ihn der sechs Jahre ältere Parker in sein Quintett, in dem der junge Trompeter schnell reifte. Nach drei Jahren bei dem Altsaxophonisten beschloss Miles 1948, dass es an der Zeit war, musikalisch eigene Wege zu gehen. Mit dem Arrangeur Gil Evans und einem Nonett entwarf er die Blaupause für den Cool-Jazz. Doch die 1949/1950 gemachten Aufnahmen erschienen erst 1957 vollständig unter dem Titel „Birth Of The Cool”.
Bessere Zeiten brachen für Miles erst an, als er seinen ersten Plattenvertrag bei dem jungen Label Prestige Records erhielt, für das er in der Folge eine Serie wegweisender Hardbop-Alben aufnahm. 1955 gründete er dann sein erstes legendäres Quintett mit John Coltrane, Red Garland, Paul Chambers und Philly Joe Jones. Ein weiterer Meilenstein sollte 1959 das mit Coltrane, Cannonball Adderley, Bill Evans und Wynton Kelly eingespielte Album „Kind Of Blue” werden, ein Meisterwerk des modalen Jazz und eines der bestverkauften Jazzalben aller Zeiten.
Danach spielte Miles eine Zeit lang mit sich ständig ändernden Formationen, bevor er 1964 die Idealbesetzung für sein zweites legendäres Quintett zusammenhatte: Wayne Shorter, Herbie Hancock, Ron Carter und Tony Williams. Der nächste Paradigmenwechsel bahnte sich aber schon 1968 mit „Miles In The Sky” an. Inspiriert von James Brown und Sly & The Family Stone begann Miles den Jazz zu elektrifizieren und Elemente aus Funk und Rock zu integrieren. Vor allem das Doppelalbum „Bitches Brew”, das viele der kommenden Stars des Jazz-Rock und Fusion-Jazz featurte, sorgte 1970 für Furore. Miles hat als Mittvierziger – an der Wende von den Sechzigern in die Siebziger – seine produktivste, wohl auch kreativste Periode erlebt. Er gibt den coolen Verführer. Oder er erklimmt in rasanten Läufen flirrende Höhen. Oder er jagt kurze Staccati aus der Trompete. Kürzel reiben sich an langen Linien und seine Intonationsskala reicht von glasklaren bis zu melancholischen und rauen Tönen. Dabei setzt er stets jeden noch so knappen Ton so abgezirkelt und präzise, dass er wie eine Perle aus dem Instrument schießt.
1975 verschwand Miles für sechs Jahre von der Bildfläche. In erster Linie waren es ernste gesundheitliche Probleme, die ihn zum Rückzug zwangen. Er litt unter Magengeschwüren und musste wegen einer Lungenentzündung das Krankenhaus aufsuchen. Zudem machte ihm sein altes Hüftleiden zu schaffen.
Erst 1981 kehrte er mit dem Album „The Man With the Horn” zurück. In dieser letzten Schaffensphase umgab er sich erneut mit vorwiegend jungen Musikern wie Marcus Miller, Mike Stern, dem Saxophonisten Bill Evans oder John Scofield, um bis zu seinem Tod im Jahr 1991 eine Reihe von überaus populären Alben vorzulegen, die bewiesen, dass er sein Ohr immer noch am Puls der Zeit hatte.
Miles Davis hat den Jazz nicht nur einmal verändert – sondern immer wieder neu erfunden. Und das in nur 65 Lebensjahren.
Fünf oder sechs Mal, je nach Zählweise, hat Davis das Genre grundlegend verändert. Er hat den Cool Jazz mitbegründet, zuvor bereits den Bebop geprägt, später der Improvisationsmusik und den Free Jazz den Weg bereitet. Davis starb am 28. September 1991 an einem Schlaganfall und einer Lungenentzündung. Sein Einfluss war immens und er ging mit 51 Studioalben, 36 Live Alben, 35 Compilation Alben, 17 Box Sets, 4 Soundtracks und 8 Grammys in die Geschichte ein. Er hat den Kurs des Musikdampfers mit seinem Ideenreichtum geprägt und die Grenzen des Möglichen getestet. Sei es die verrückte Produktion bei Bitches Brew mit 3 Keyboardern, 2 Bassisten, 2 Drummern und 2 Perkussionisten oder das mysteriöse Auftreten des Trompeters, er war allen immer einen Schritt voraus.
Das Etikett „Jazzmusiker“ wollte sich Davis nie anheften lassen. Besonders in seiner späten Schaffensphase bewegte er sich zwischen Jazz, R&B und Pop. Von Kritikern ließ er sich dabei nicht beirren. Er spielte, was ihn interessierte. Am Ende waren es ja doch immer Töne – die Töne seiner Trompete, welche die Musik bis heute prägen.
Wichtige Alben von Miles Davis
Im Laufe seiner Karriere, die sich von 1944 bis zu seinem Tod im Jahr 1991 erstreckte, spielte der Trompeter so viele bahnbrechende Alben wie wohl kein anderer Jazzmusiker ein.
The Complete Birth of the Cool (1949/50)
Diese Stücke änderten den Kurs des Jazz, indem sie die urbane coole Schule einführten und Davis als einen wichtigen Bandleader etablierten. Er war erst 24, und Gerry Mulligan und Konitz waren beide ein Jahr jünger. Das Zusammenspiel und die Soli sind von allen dreien verblüffend originell und sicher.

Walkin’ (1954)
1954 war für Miles ein fantastisches Jahr, in dem sich seine Vision konkretisierte und sein Spiel noch gehaltvoller wurde. Die beiden Topstücke auf dieser Kompilation sind das Titelstück und „Blue ’n’ Boogie“. Mit einem Sextett der Superlative – Lucky Thompson, J. J. Johnson, Horace Silver, Percy Heath und Kenny Clarke – schuf Davis zwei der größten Interpretationen eines Blues und initiierte damit die Hard-Bop-Bewegung, die als Reaktion auf den Cool-Jazz zu verstehen war.
Cookin’ And Relaxin’ (1956)
Davis hatte sein großartiges Quintett mit John Coltrane, Red Garland, Paul Chambers und Philly Joe Jones gegen Ende 1955 gebildet. Die Ekstase der Rhythmusgruppe und die Tiefe von Miles und Coltrane spiegelten in dieser Band auf einzigartige Weise das Wesen der Menschen wider.
Miles Ahead (1957)
In dieser Zusammenarbeit mit Gil Evans ist Davis der einzige Solist in einem Orchester, das aus 12 Blechbläsern, Altsaxofon, Holzbläsern, Bass und Schlagzeug besteht. Miles spielt durchweg Flügelhorn, und sein exquisiter Lyrismus und die beflügelnden Arrangements von Evans lassen die neun einzelnen Stücke wie eine Suite erscheinen. Ein Meisterwerk und etwas vom Ruhmreichsten, was die orchestrale Musik im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.
Milestones (1958)
Der Altsaxofonist Cannonball Adderley erweitert Davis’ Band zu einem Sextett, und dieses Album zählt zu den allergrößten Jazzplatten. Altes Material wird auf auf brillante Weise neu interpretiert – es gibt drei Blues in F, darunter eine ekstatische Version von Monas „Straight No Chases“. Das Titelstück ist die einzige neue Komposition und eine radikal anders klingende, modale Nummer von Miles selbst.
Porgy And Bess (1958)
Wenn Miles Ahead das perfekteste der drei orchestralen Alben is, dann zeichnet sich Porgy And Bess durch mehr Erhabenheit und Tiefgründigkeit aus. Zum ersten Mal wurde sein Harmon-Dämfer im orchestralen Kontext benutzt, und der dadurch entstandene neue Klang und scharfe Anstoß bereichern die Ensembles großartig. Die offenen Teile spielt Miles mit dem Flügelhorn. Evans Partitur trägt genialische Züge.
Kind Of Blue (1959)
Das ist eins der berühmtesten, einflußreichsten und beliebtesten Alben in der Geschichte des Jazz und eine perfekte Entsprechung von Davis’ Kontemplation: gemächliche Tempi, schlichte und klangvolleThemen. Im Sextett spielen nun Jimmy Cobb Schlagzeug und Bill Evans Piano, abgesehen von „Freddie Freeloader“, einem Blues, auf dem Wynton Kelly zu hören ist. Es war das erste modale Jazzalbum, und seine dunkle Eleganz und mysteriöse Unergründlichkeit waren beeindruckend.
ESP (1965)
Nach einigen Live-Alben mit dem alten Repertoire war es an der Zeit, ein wenig neues musikalisches Territorium zu inspizieren, und auf diesem Album gelingt der Kunstgriff brillant. Die ganze Band, mit Ausnahme von Tony Williams, hat mit der einen oder anderen der sieben herausragenden Kompositionen tun, und die Musik ist auf einem außergewöhnlich hohen Niveau.
In A Silent Way (1969)
Hier kommt wieder Miles’ meditative Persönlichkeit zum Ausdruck, doch Kontext und Methode haben sich erneut radikal verändert. Miles hat sich allmählich von denpopulären Songstrukturen entfernt und fängt nun an, alles über Bord zu werfen.Das verblüffende sind die elektronischen Keyboards – Chick Corea , Herbie Hancock und Zawinul – sowie John McLaughlins E-Gitarre. Ihre improvisierten, sich stets veränderten Figuren produzieren Texturen und einen Ensemble-Sound, der im Jazz neuartig ist.

Bitches Brew (1969)
Dieses turbulente, massive Album wurde gerade mal sechs Monate nach In A Silent Way aufgenommen. Das große Ensemble legt unter Miles’ Leitung los und schwillt an und ab. Die Atmosphäre ist oftmals düster und drückend, und eine kaum zurückgehaltene Leidenschaft macht sich breit. Sicherlich gibt es Längen. Aber der Schaffensprozess auf Bitches Bree ist wichtiger als das Endprodukt. Trotzdem ist das Werk ein ungewöhnlich aufwühlendes Dokument.
Jack Johnson (1970)
Die Besetzung ist hier ein Septett, die Palette kleiner und die Musik schwungvoll und brillant oder dramatisch weit und meditativ.
We Want Miles (1981)
Das sind Miles’ erste Live-Aufnahmen nach seiner krankheitsbedingten Rückkehr zur Musik. Die junge Band ist tadellos, und Miles kommt mit einigen neuen und dynamischen Rhythmen zurück – besonders auf seinem folkigen „Jean Pierre“ und seiner fantasievollen Bearbeitung von Gershwins „My Man’s Gone New“ aus Porgy And Bess.
Amanda (1989)
Miles’ letztes wirklich wundervolles Album. Die plastischen Phrasen bleiben in der Erinnerung haften. Seine offene Trompetenhommage an Pastorius ist höchst emotional und endet wie ein Nachruf – mit ein wenig ansteigenden, unbegleiteten Trompetenstößen.
